{"id":1179,"date":"2019-05-03T15:14:10","date_gmt":"2019-05-03T13:14:10","guid":{"rendered":"http:\/\/sorabicon.dev.webstitut.de\/?page_id=1179"},"modified":"2020-06-11T09:16:51","modified_gmt":"2020-06-11T07:16:51","slug":"zur-konzeption-von-arnost-mukas-statistika-luziskich-serbow","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www1.sorabicon.de\/dsb\/statistik-der-sorben\/zur-konzeption-von-arnost-mukas-statistika-luziskich-serbow\/","title":{"rendered":"Zur Konzeption von Arno\u0161t Mukas \u201eStatistika \u0142u\u017eiskich Serbow\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Die \u201eStatistika \u0142u\u017eiskich Serbow\u201c von 1886 ist nicht nur inhaltlich ein f\u00fcr die moderne sorbische Kulturgeschichte und die Sorabistik zentrales, bis heute vielf\u00e4ltig nachwirkendes Werk. Sie ist zugleich eine faszinierende wissenschaftsgeschichtliche Quelle f\u00fcr die Herausformung sorbischen wissenschaftlichen Forschens und Schreibens im Rahmen der jungsorbischen Bewegung, aber auch f\u00fcr den allgemeinen Diskursstand der sich im deutschen Sprachraum am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnden Volkskunde sowie f\u00fcr fr\u00fche Formen soziologischer Fragestellungen angesichts der versp\u00e4teten deutschen Industrialisierung. <\/p>\n\n\n\n<p>Arno\u0161t Muka (1854\u20131932) war kein ausgebildeter Statistiker. Eine universit\u00e4re, theoretisch fest abgesteckte Volkskunde existierte zur Zeit seines Studiums in Leipzig (1874\u20131879) ebenso wenig wie die Soziologie und ein die beiden Disziplinen verbindender Methodenkanon. Muka war studierter Altphilologe und Slawist. Seine berufliche Karriere von 1879 bis 1916 vollzog sich vollst\u00e4ndig im Rahmen seines Gymnasiallehrerberufs (und dies ab 1883 bis zur Rente au\u00dferhalb der sorbischen Lausitz in Chemnitz und Freiberg). Hier erlangte er 1901 auch die Ernennung zum Professor, was damals au\u00dferuniversit\u00e4r im gehobenen Schuldienst im deutschen Kaiserreich m\u00f6glich war. <\/p>\n\n\n\n<p>Die &#8220;Statistik&#8221; ist damit die eindrucksvolle Pionierleistung eines sozialwissenschaftlichen Autodidakten und Wissenschaftlers im Nebenberuf. Muka nennt als zentralen Antrieb f\u00fcr das Projekt im Vorwort von 1880 das Bed\u00fcrfnis, mit eigener Empirie die volkskundlich-statistische Pionierarbeit von Jan Arno\u0161t Smoler (1816\u20131884) in seinen \u201eVolksliedern der Wenden in der Ober- und Niederlausitz\u201c von 1841\/1843 zu vertiefen, aber vor allem die von dem Ethnografen Richard Andree (1835\u20131912) 1874 in seinen \u201eWendischen Wanderstudien\u201c auf der Basis \u00e4lterer Volksz\u00e4hlungen und Landesstatistiken sowie eigener Forschung vorgenommenen Prophezeiungen eines besonders in der Niederlausitz unmittelbar bevorstehenden Endes der sorbischen Sprachen kritisch zu \u00fcberpr\u00fcfen. Man muss seine Studie aber auch in den gr\u00f6\u00dferen Kontext des Aufbauprogramms eines modernen nationalen sorbischen Selbstverst\u00e4ndnisses stellen, dem sich die intellektuellen ober- und niedersorbische Akteure im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unter dem Eindruck benachbarter slawischer <em>Wiedergeburten<\/em>, aber auch des allgemeinen nationalen <em>V\u00f6lkererwachens <\/em>in Europa verschrieben hatten. Basis einer solchen <em>nationalen Erweckung<\/em> der Sorben war die Entwicklung und Popularisierung einer kollektiven Erz\u00e4hlung von der eigenen Verfasstheit als Volk. Eine Voraussetzung f\u00fcr eine solche kollektive Identit\u00e4t war neben dem einigenden Wissen um die verbindende Sprache und Geschichte der Aufbau einer Vorstellung \u00fcber den mit den Mit-Sorben geteilten Heimat-Raum, \u00fcber seine Ausdehnung, seine Grenzen, seine Peripherien und Zentren. Und das Wissen \u00fcber die Anzahl der sorbischen Menschen, die diesen solcherart fixierten <em>sorbischen Raum<\/em> miteinander teilen. Es war an Arno\u0161t Muka und seiner &#8220;Statistik&#8221;, f\u00fcr eine sorbische Perspektive erstmals \u00fcberhaupt diese an den Raum gekn\u00fcpften identit\u00e4tspr\u00e4genden Fragen ersch\u00f6pfend zu behandeln. Er lie\u00df es aber nicht bei einem reinen Zahlenwerk bewenden. Vielmehr legte er eine komplette Landesbeschreibung vor, die der kritischen Schilderung der problematischen Situation des sorbischsprachigen Schulunterrichts in der Lausitz breiten Raum gew\u00e4hrte, neben diesem p\u00e4dagogischen Schwerpunkt aber u.a. auch wirtschaftssoziologische Fragen ber\u00fchrte. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Muka und seine Weggef\u00e4hrten und Mitstreiter wurde in obersorbischer Sprache der Begriff des <em>pr\u00f3cowar<\/em>, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt des <em>Bem\u00fchers<\/em>, gepr\u00e4gt. Mit Blick auf den programmatischen Anspruch und Umfang seiner &#8220;Statistik&#8221; und in Anbetracht der Umst\u00e4nde ihrer Erarbeitung und Publikation im Rahmen eines nicht universit\u00e4r unterst\u00fctzten und finanziell abgesicherten, neben dem Beruf durchgef\u00fchrten \u201eFreizeitprojektes\u201c wird deutlich, wie treffend diese Wortsch\u00f6pfung ist. Der zentrale Ort des interdisziplin\u00e4ren Ringens um die Gestaltwerdung als sorbische Nation war in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts die obersorbische wissenschaftliche Gesellschaft Ma\u0107ica Serbska, der Muka 1874 bereits als Gymnasiast beigetreten war (und in der er 1897 die Leitung der sprachwissenschaftlichen Sektion \u00fcbernahm). In der Zeitschrift der Gesellschaft erschien 1884 der erste Teil der &#8220;Statistik&#8221; zu den Niedersorben, 1885 der zweite Teil zu den Sorben der preu\u00dfischen und 1886 schlie\u00dflich der dritte Teil zu den Sorben der s\u00e4chsischen Oberlausitz. Muka hat im Jahr 1886 au\u00dferdem diese drei Teile in nahezu unver\u00e4nderter inhaltlicher Form als gebundene Monografie im Eigenverlag herausgebracht (Anzeigen f\u00fcr diese beim Autor selbst zu beziehende Buchfassung finden sich in den Folgejahren immer wieder in der Zeitschrift der Ma\u0107ica). <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Lesen der Statistik wird deutlich, dass die Darstellung in ihr fortlaufend leichten inhaltlichen Neugewichtungen und konzeptionellen Ver\u00e4nderungen unterliegt. Der Text ist nicht in einem kontinuierlichen Arbeitsprozess entstanden, da sich Muka neben dem Beruf Arbeitszeiten f\u00fcr das Projekt abtrotzen musste, worauf er im Vorwort auch hinweist. Insgesamt wirkt die &#8220;Statistik&#8221; dadurch stilistisch und in ihrem Aufbau unruhig. Muka flicht immer wieder Erg\u00e4nzungen, Zus\u00e4tze und \u00c4hnliches ein, selbst das im Buch dem Haupttext vorangestellte Fehlerverzeichnis nutzt er noch f\u00fcr weitere inhaltliche Erg\u00e4nzungen. W\u00e4hrend des Textes wandelt sich sein Fu\u00dfnotensystem; u.a. im Eintrag zu Lohsa\/\u0141az in Teil 2 verweist er darauf, dass ihm zum Zeitpunkt der Niederschrift noch immer Zahlenmaterial fehle, einige Fu\u00dfnoten gleichen eher Korrekturanmerkungen, die er nicht mehr aus dem Text entfernt und eingearbeitet hat. Es ist aufgrund solcher Textph\u00e4nomene stark zu bezweifeln, dass ihm f\u00fcr die Publikation ein Lektorat zur Seite stand oder er ausreichend lange Korrekturzeitr\u00e4ume zur Verf\u00fcgung hatte.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<p>Mukas Besch\u00e4ftigung mit dem Projekt begann bereits zur Zeit seines Studiums in Leipzig, als er die Semesterferien regelm\u00e4\u00dfig dazu nutzte, vor allem die Niederlausitz ausgiebig zu durchwandern. Mit diesem Landstrich und seinen sorbischsprachigen Bewohnern verband ihn bereits seit einem Schulausflug 1869 ein enges emotionales Band. Er erlernte danach die niedersorbische Sprache, deren wichtigster moderner Kenner und Kodifizierer er sp\u00e4ter werden sollte. In der Regel hatte er bei diesen mehrt\u00e4gigen Erkundungen einen Begleiter, 1876 war dies z.B. sein Freund und Kommilitone Jan Arno\u0161t Holan (1853\u20131921), sp\u00e4ter begleitete ihn mehrmals Adolf \u010cern\u00fd  (1864\u20131952). Diese Feldforschungen standen ganz in der methodischen Traditionslinie, die Wilhelm Heinrich Riehl (1823\u20131897) 1869 in seinem damals viel gelesenen \u201eWanderbuch\u201c f\u00fcr die volkskundliche Forschung er\u00f6ffnet hatte. Muka betont 1880 in einem Text selbst, wie wichtig das Wandern als K\u00f6nigsweg der Erkenntnis \u00fcber das eigene Vaterland sei. Zwischen 1876 und 1903 berichtete Muka in einer Reihe von Reisefeuilletons in der literarischen Monatszeitschrift \u201e\u0141u\u017eica\u201c von diesen Forschungsreisen. Der l\u00e4ngste Aufsatzist der 1880 niedergeschriebene und 1884 publizierte erste Teil der &#8220;Statistik&#8221; selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Schreiben anderer Autoren \u00fcber die &#8220;Statistik&#8221; findet sich bis in die Gegenwart immer wieder die Aussage, Muka habe als ihre Grundlage die gesamte sorbische Lausitz pers\u00f6nlich Ort f\u00fcr Ort durchwandert. Diese Zuschreibung ist ein Mythos. Ann\u00e4hernde Realit\u00e4t erlangt sie nur in Bezug auf die Niederlausitz in Teil 1. Dieser werkeditorisch \u00e4lteste Bestandteil der &#8220;Statistik&#8221; atmet eindeutig den Geist einer ethnografischen Feldforschung, dem man in Teil 2 nur noch teilweise und in Teil 3 so gut wie \u00fcberhaupt nicht mehr begegnet. Zahlreiche O-T\u00f6ne und teils detaillierte Beschreibungen kennzeichnen den ersten Teil ebenso wie eine unvermittelt in den Text gesetzte ausf\u00fchrliche Augenzeugen-Skizze des sonnt\u00e4glichen Peitz\/Pic\u0144, die im gesamten Buch ein faszinierender, aber stilistisch etwas fehlplatziert wirkender Fremdk\u00f6rper bleibt. Wenn damit diese erste Passage der Studie einige Besonderheiten aufweist, die sich in der Hauptsache aus der zugrunde liegenden Forschungsmethodik erkl\u00e4ren, so etabliert Muka hier in seinen Gemeindebeschreibungen doch eine Abfolge der Informationen, die f\u00fcr das ganze Buch paradigmatisch bleibt: Zun\u00e4chst stellt er die jeweilige Kirchgemeinde mit all ihren eingepfarrten D\u00f6rfern vor, wobei er die sorbischen wie deutschen Ortsnamen angibt. Darauf folgt eine kurze Einsch\u00e4tzung des allgemeinen Zustandes der sorbischen Sprechf\u00e4higkeit ihrer Einwohner. Hierauf schildert er m\u00f6glichst ausf\u00fchrlich die Gottesdienstordnung und ihre Sprachregelung sowie das allgemeine kirchliche Leben und listet die Pfarrer (meist seit der Reformation) auf. \u00c4hnlich gr\u00fcndlich ist der darauffolgende Teil zum Schulunterricht und den Gemeindelehrern angelegt. Hieran schlie\u00dfen sich Ausf\u00fchrungen zum Anteil der deutschsprachigen Gemeindebewohner und dem Umfang ihrer Sorbischkenntnisse sowie zum deutsch-sorbischen Verh\u00e4ltnis innerhalb der Gemeinde und zu den Sprachf\u00e4higkeiten der verschiedenen Dorfgenerationen, besonders der Kinder, an. Zum Abschluss geht er auf d\u00f6rfliches sorbisches Brauchtum, vor allem im Rahmen der Spinnstuben und des \u00f6ffentlichen Singens im Dorf, und auf die Verbreitung und Form der sorbischen Tracht ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Muka l\u00e4sst seinen Niederlausitzer Feldforschungsbericht 1884 bei der Ver\u00f6ffentlichung aber nicht alleinstehen, sondern erg\u00e4nzt ihn um eine bis 1883 in einem zweiten Schritt erstellte Gemeindestatistik der Anteile von Sorben und Deutschen in den einzelnen D\u00f6rfern. Methodisch weitet sich damit die Spannbreite der Arbeit hin zu einer quantitativen Erhebung \u2013 eine Doppelstruktur, die f\u00fcr die beiden noch folgenden Teile, an denen er bis 1885 arbeiten wird, bestehen bleibt. Nat\u00fcrlich ist es aus heutiger Sicht unm\u00f6glich, f\u00fcr jede einzelne von Muka erhobene bzw. ihm durch seine Gew\u00e4hrspersonen (meist die Pfarrer) \u00fcbermittelte Zahl 140 Jahre sp\u00e4ter den Nachweis ihrer Korrektheit zu f\u00fchren. Lediglich bei seinen selbst als Sch\u00e4tzung eingeordneten Zahlen zu den sorbischen Auswanderergemeinden in Texas und Australien oder zu den Sorben im Milit\u00e4rdienst ist klar ersichtlich, dass man hier Ann\u00e4herungswerten gegen\u00fcbersteht. Wenn daher seine in Teil 3 zusammengef\u00fchrte Schlussberechnung also wom\u00f6glich nicht bis auf jede Einzelstelle im Hunderterbereich den damaligen Tatsachen entsprechen mag, so tut dies der allgemeinen Aussagekraft seines empirischen Befundes keinerlei Abbruch. Muka weist in der &#8220;Statistik&#8221; nach, dass die offiziellen Z\u00e4hlungen der deutschen Verwaltungsbeh\u00f6rden die Zahl der Sorben systemisch zu niedrig ansetzten (wenn sie sich \u00fcberhaupt f\u00fcr sie interessierten), und dass in zahlreichen durch Kirche und Schule als deutsch angesehenen Gemeinden eine teils betr\u00e4chtliche Zahl sorbischer Einwohner lebe, deren Sprachlichkeit negiert bzw. offen bek\u00e4mpft wurde. Seine Zahlen geben aber auch Auskunft dar\u00fcber, wo damals die deutsch-sorbische Sprachgrenze verlief und wie in den einzelnen Gemeinden des sorbischen Sprachgebietes das quantitative Verh\u00e4ltnis zwischen sorbisch- und deutschsprachigen Bewohnern aussah. Sorbischsprachige Hochburgen, in denen deutsche Zuwanderer rasch sorabisiert wurden, sind ebenso markiert, wie ihre prek\u00e4ren Gegenpole, f\u00fcr die bei gleichbleibender sprachpolitischer Situation mit einem baldigen Ende der sorbischen Sprachf\u00e4higkeit gerechnet werden musste. Muka erweiterte diesen bis heute ma\u00dfgeblichen Informationsgehalt im Fortlauf des Buches um immer neue Einzelaspekte. Er f\u00fcgte Wirtschafts- und Kirchenstatistiken bei und erg\u00e4nzte im beschreibenden Teil f\u00fcr die Oberlausitz die in Teil 1 aufgestellte Ordnung um weitere Informationen zu den jeweiligen Gemeinden: Die Art und Anzahl der Gewerke, die Abonnentenzahl wichtiger sorbischer Zeitschriften, die deutsch-sorbische Vereinslandschaft, die Namen der alteingesessenen sorbischen Familien und ihrer H\u00f6fe, Flurnamen.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die statistischen Inhalte insgesamt, in Teil 2 und 3 zunehmend aber auch f\u00fcr die Gemeindebeschreibungen war Muka aufgrund seiner beruflichen Verpflichtungen auf Zuarbeit und Unterst\u00fctzung durch Gew\u00e4hrspersonen und Zutr\u00e4ger angewiesen. An diesem Punkt gilt es, nun in Bezug auf die Konzeption der &#8220;Statistik&#8221; Kritik zu \u00e4u\u00dfern. Denn der Text entspricht nicht mehr den heutigen Transparenzanforderungen an sozialwissenschaftliche Erhebungen und war in dieser Hinsicht schon aus der zeitgen\u00f6ssischen Perspektive heraus kritisierbar. Muka bietet im Buch keine kompakte Gesamtdarstellung oder auch nur ann\u00e4hernd ersch\u00f6pfende Reflexion seiner Forschungsmethodik. In den einleitenden Bemerkungen zu den statistischen Teilen gibt er zwar immer wieder teils wertvolle Hinweise zu seinem Vorgehen und seinen theoretischen Grundpostulaten \u2013 trotzdem bleibt hier viel diffus und muss aus Nebenbemerkungen und teils auch Fu\u00dfnoten im Text mehr erahnt werden, als dass man tats\u00e4chliche Gewissheit erlangt. Muka stellt nirgends seinen Fragenkatalog vor, mit dem er sich meist an die ortskundigen Gemeindepfarrer und Lehrer wandte; er bleibt, was seine Gew\u00e4hrspersonen und den Umfang ihrer Zuarbeiten angeht, intransparent und trennt nicht nachvollziehbar zwischen eigenen Beobachtungen im Feld und denen Dritter. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit wird erneut deutlich, dass die \u201eStatistika \u0142u\u017eiskich Serbow\u201c als Text eine Zwitterstellung einnimmt. Muka bem\u00fchte sich zwar klar um einen wissenschaftlichen Gestus und die Darlegung einer m\u00f6glichst gro\u00dfen, empirisch abgesicherten Bandbreite von Fakten, missachtete er dabei aber h\u00e4ufig die Regeln der Quellentransparenz. Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass die &#8220;Statistik&#8221; in der Hauptphase ihrer Erstellung ab 1883 als ein Projekt angesehen werden muss, an dessen Umsetzung ein gr\u00f6\u00dferer Kreis von, in der Regel \u00fcber die Ma\u0107ica Serbska organisierten, Freunden und Mitstreitern Mukas beteiligt war, wie z. B. der f\u00fcr die sorbische politische Bewegung dieser Zeit so zentrale Pfarrer Jarom\u011br Hendrich Imi\u0161 (1819\u20131897) in G\u00f6da\/Hod\u017aij, dem Muka zu Beginn von Teil 3 pers\u00f6nlich dankt (dies wird auch durch die von Muka ab Teil 2 immer wieder im Text verwandte Wir-Form deutlich). An anderer Stelle erw\u00e4hnt er in den Anh\u00e4ngen zu Teil 1, dass die sorbische \u00dcbersetzung der hier ausf\u00fchrlich zitierten deutschen &#8220;Erdbeschreibung von Kursachsen und den jetzt dazu geh\u00f6renden L\u00e4ndern&#8221; (1796\u20131798) von Dankegott Immanuell und Karl August Merkel und Engelhardt ein sorbischer Theologiestudent aus K\u00f6nigswartha\/Rakecy \u201eauf sich genommen hat\u201c. Dass auch sonst im Fortgang des umfangreichen Vorhabens viele Teilarbeiten planvoll delegiert wurden, belegt nicht zuletzt ein Brief seines engen Freundes Jakub Bart-\u0106i\u0161inski (1856\u20131909) vom Januar 1885, in dem dieser ihm mitteilt, dass die &#8220;Statistik&#8221; f\u00fcr die Gemeinde Radibor \u201eder Herr Kandidat \u0160ew\u010dik besorgt\u201c. Schlie\u00dflich ist hier auf die Zeitschrift der Ma\u0107ica zu verweisen, in der Muka sowohl 1884 wie auch 1885 im Mitteilungsteil die Gelegenheit nutzte, daran zu erinnern, ihm noch ausstehendes Material und Zahlen rasch zuzuarbeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite ist sein Text aber auch ein an seine sorbischsprachige Leserschaft gerichteter politischer Appell, der mitunter zur Streitschrift, ja zum emotionalen Traktat gerinnt. Muka wertet, kritisiert offen, prangert an, verf\u00e4llt ins Klagen. Immer wieder l\u00e4sst er sich dazu hinrei\u00dfen, w\u00f6rtliche Zitate aus der Feldforschung teils bissig zu kommentieren. Vor allem wenn er die Zust\u00e4nde an den Dorfschulen beschreibt, verl\u00e4sst er regelm\u00e4\u00dfig die Position des wissenschaftlichen Beobachters und wandelt sich zum p\u00e4dagogischen Aktivisten. Auch in diesem wichtigen Aspekt der &#8220;Statistik&#8221; spiegelt sich ihre Einbettung in die Arbeit und Publizistik der Ma\u0107ica Serbska wider. Muka m\u00f6chte mit seiner &#8220;Statistik&#8221; zun\u00e4chst <em>die eigenen Leute<\/em> zum politischen Handeln aufr\u00fctteln. Die Studie soll nicht nur breitenwirksam eine sorbische kollektive Identit\u00e4t stiften helfen, sie soll vor allem die gebildeten Kreise der zweisprachigen Lausitz f\u00fcr den patriotischen Dienst <em>am Sorbentum<\/em> sensibilisieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Welche Vorstellungen von sorbischem <em>Volk <\/em>und sorbischer <em>Kultur <\/em>Muka hierbei transportiert, wird in einem anschlie\u00dfenden Text behandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Andree, Richard: Wendische Wanderstudien. Stuttgart 1874.<\/p>\n\n\n\n<p>Kilank, Rudolf: Arno\u0161t Muka. Budy\u0161in 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Muka, Arno\u0161t: Statistika \u0142u\u017eiskich Serbow. Budy\u0161in, 1884\u20131886.<\/p>\n\n\n\n<p>Muka, Arno\u0161t: Pu\u0107owanja po Serbach. Budy\u0161in 1957.<\/p>\n\n\n\n<p>Norberg,\nMadlena; Kosta, Peter (Hg.): Arno\u0161t Muka \u2013 Ein Sorbe und Universalgelehrter.\nPotsdam, 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Nowotny, Pa\u0142ow: \u0106i\u0161inskeho listowanje z Muku a \u010cernym. Budy\u0161in 1958.<\/p>\n\n\n\n<p>Petr, Jan: Arno\u0161t Muka. Budy\u0161in, 1978.<\/p>\n\n\n\n<p>Riehl, Wilhelm Heinrich: Wanderbuch. Stuttgart 1869.<\/p>\n\n\n\n<p>Smoler, Jan Arno\u0161t: \u201eVolkslieder der Wenden in der Ober- und Niederlausitz\u201c. Bautzen 1841\/43. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eStatistika \u0142u\u017eiskich Serbow\u201c von 1886 ist nicht nur inhaltlich ein f\u00fcr die moderne sorbische Kulturgeschichte und die Sorabistik zentrales, bis heute vielf\u00e4ltig nachwirkendes Werk. 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