{"id":358,"date":"2019-04-15T15:36:51","date_gmt":"2019-04-15T13:36:51","guid":{"rendered":"http:\/\/sorabicon.dev.webstitut.de\/?page_id=358"},"modified":"2020-06-11T14:07:29","modified_gmt":"2020-06-11T12:07:29","slug":"kleinwelka","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www1.sorabicon.de\/en\/herrnhuter-lebenslaeufe\/kleinwelka\/","title":{"rendered":"Kleinwelka"},"content":{"rendered":"\n<p>Als die sorbischen Erweckten im Sommer 1751 das Teichnitzer Schloss verlie\u00dfen und sich auf Einladung von Matth\u00e4us Lange nach Kleinwelka begaben, war nicht abzusehen, dass hier in den folgenden Jahrzehnten eine weitere br\u00fcderische Siedlung entstehen w\u00fcrde. Die Leitung der Br\u00fcdergemeine verfolgte zwar den Plan, einen zentralen Versammlungsort f\u00fcr die sorbischen Geschwister zu errichten, jedoch keine neue Siedlung. Die N\u00e4he zur Stadt Bautzen, die die wirtschaftliche Entwicklung einschr\u00e4nken w\u00fcrde, sowie der Umstand, dass mit einem gro\u00dfen Zuzug von Sorben, die h\u00e4ufig herrschaftlich gebunden waren, kaum gerechnet werden konnte, sprachen gegen den Ausbau des Kleinwelkaer Rittergutes zu einer eigenst\u00e4ndigen Kolonie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Versammlungsort hin zum Gemeinort<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen diesen Pl\u00e4nen setzten sich zahlreiche Sorben sowie der erste Prediger von Kleinwelka, Wilhelm Biefer, von Beginn an f\u00fcr eine konsequente und rasche Entwicklung Kleinwelkas zum Gemeinort ein. Zun\u00e4chst versammelten sich die sorbischen Geschwister im Kleinwelkaer Gutshaus. Dieses hatte Matth\u00e4us Lange 1746 mithilfe des Grafen Friedrich Caspar von Gersdorf erworben. Der Versammlungsraum im Gutshaus wurde jedoch bald zu klein, sodass bereits 1752 ein Saalanbau erfolgte. Gleichzeitig errichteten einige sorbische Geschwister erste Wohnh\u00e4user in der N\u00e4he des Rittergutes. Daraus entwickelte sich in den Folgejahren die <em>Kolonie Kleinwelka<\/em>, eine vom alten Ortskern unabh\u00e4ngige Siedlungsstruktur. Erst 1932 wurden beide Orte, der alte Ortskern und die br\u00fcderische Kolonie, rechtlich zusammengef\u00fchrt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Bd_37_c_04-Gro\u00df-1024x779.jpg\" alt=\"Bildmittig ist das Kleinwelkaer Gutshaus zu sehen, ein schlichter zweist\u00f6ckiger Fachwerkbau mit Walmdach und f\u00fcnf Fenstern pro Geschoss im Giebel. Links am Gutshaus vorbei f\u00fchrt eine Stra\u00dfe auf der im Vordergrund zwei Personengruppen abgebildet sind. M\u00f6glicherweise tragen die Frauen eine stilisierte sorbische Tracht. Der Stra\u00dfe entlang ist im Bildhintergrund das Schloss von Gro\u00dfwelka zu sehen.\" class=\"wp-image-505\" width=\"768\" height=\"584\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Bd_37_c_04-Gro\u00df-1024x779.jpg 1024w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Bd_37_c_04-Gro\u00df-300x228.jpg 300w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Bd_37_c_04-Gro\u00df-768x585.jpg 768w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Bd_37_c_04-Gro\u00df.jpg 1419w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Ansicht des Gutshauses in Kleinwelka, 1754. Kupferstich (Unit\u00e4tsarchiv Herrnhut).<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Um die wachsende br\u00fcderische Siedlung unter herrschaftlich-adligen Schutz zu stellen, verkaufte Matth\u00e4us Lange das Gut Kleinwelka 1756 f\u00fcr 17 000 Taler an Gr\u00e4fin Agnes Sophie von Reu\u00df-Ebersdorf, die ebenfalls der Br\u00fcdergemeine angeh\u00f6rte. Nach Herrnhut (1722) und Niesky (1742) entstand somit allm\u00e4hlich eine dritte br\u00fcderische Siedlung in der Lausitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Punkt auf dem Weg zum Gemeinort war der Bau des Kirchsaales in den Kriegsjahren 1757\/58. Zu dessen Einweihung im Juni 1758 gab Nikolaus Ludwig von Zinzendorf der sorbischen Gemeine in Kleinwelka zwei Warnungen mit auf den Weg: Zum einen sollten ihre \u201eNationalarten und Gewohnheiten\u201d den Glauben an den Heiland nicht behindern, \u201ewas an ihnen wendisch sey, das m\u00fcsse, wenn es dem Sinne Jesu zu wider sey, alles sterben\u201d. Zum anderen betonte Zinzendorf jedoch, \u201eda\u00df sie ja nicht aufh\u00f6ren m\u00f6chten ein wendisches gemeinlein zu seyn, welches geschehen k\u00f6nne, wenn viele deutsche unter ihnen wohneten und sie sich nach denselben richteten, Sie sollten aus treue f\u00fcr ihre Nation wendisch bleiben, um ihrem Volke durch Gottes Gnade n\u00fctzlich zu werden\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit sicherem Gesp\u00fcr f\u00fcr die Situation sprach Zinzendorf hier ein Problem an, das in den folgenden Jahrzehnten die Ortsgemeine Kleinwelka wiederholt besch\u00e4ftigen sollte: der spezifisch sorbische Charakter der Siedlung. Um diesen zu betonen, wurde Kleinwelka in den Anfangsjahren in Anlehnung an die b\u00f6hmische Siedlung Niesky in Wendisch Niska umbenannt. Doch setzte sich diese Bezeichnung nicht durch, sodass ab den 1760er Jahren meist wieder von Kleinwelka gesprochen wurde.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zum Gemeinort stellen die Ortsstatuten dar, die im Juni 1766 von 33 Einwohnern unterschrieben wurden. Darin findet sich zum Zweck der neuen Siedlung die Feststellung: \u201eAllerma\u00dfen [ist] dieser Ort zum Behufe einer Br\u00fcder-Gemein und Anstalt f\u00fcr die Wendische Nation erbaut worden.\u201d Deshalb \u201esoll sich niemand der dieser Nation nicht zugethan w\u00e4re, hier anzusiedeln Erlaubni\u00df haben, oder in die Gemeinschaft der Wendischen Br\u00fcder aufgenommen werden k\u00f6nnen, wenn es nicht durchg\u00e4ngiger Genehmhaltung und zum offenbaren besten der hie\u00dfigen Orts-Einwohner und Wendischen-Nation selbst geschiehet\u201d. Der Ausbau der Siedlung zum Gemeinort und die damit einhergehende Einf\u00fchrung neuer Strukturen, etwa der Chorh\u00e4user, zog jedoch bald immer mehr Nichtsorben in den Ort.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Zinzendorfs urspr\u00fcnglichen Willen entschied letztendlich das in Herrnhut \u00fcbliche Losverfahren am 7. M\u00e4rz 1767, dass Kleinwelka k\u00fcnftig ganz nach dem Vorbild anderer Gemeinorte gestaltet werden solle. Im M\u00e4rz 1772 erfolgte schlie\u00dflich die endg\u00fcltige Anerkennung der Siedlung als vollg\u00fcltiger Gemeinort. Im Zuge dieser Entwicklung wurden ab den sp\u00e4ten 1760er Jahren zahlreiche neue Einrichtungen erbaut: die Chorh\u00e4user f\u00fcr die ledigen Br\u00fcder (1764) und Schwestern (1770), das Diasporahaus (1778), die Knabenanstalt (1778), die M\u00e4dchenanstalt (1781) und das Gemeinlogis (1781). Zeitgleich entstanden zahlreiche Handwerks- und Landwirtschaftsbetriebe, kleinere Gesch\u00e4fte sowie eine Tabaksfabrik. Wie vorhergesehen konnten sich jedoch aufgrund der st\u00e4dtischen Bannmeile um Bautzen Handel und Gewerbe nicht frei entfalten. So wurde die Entwicklung Kleinwelkas \u00fcber Jahrzehnte durch strenge gewerbliche Auflagen und gro\u00dfe finanzielle Engp\u00e4sse eingeschr\u00e4nkt. Es entstanden kaum gr\u00f6\u00dfere Wirtschaftsbetriebe, die, wie an anderen br\u00fcderischen Standorten \u00fcblich, das ausgepr\u00e4gte Gemeinleben h\u00e4tten finanziell unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Die Lage besserte sich erst nach dem Jahr 1795, als die Stadt Bautzen der br\u00fcderischen Siedlung einige Privilegien f\u00fcr gewerbliche Unternehmungen \u00fcberlie\u00df. Nun erst konnten etliche gr\u00f6\u00dfere Gewerbe entstehen. Ber\u00fchmtheit erlangte die Glockengie\u00dferei Friedrich Gruhl, deren Glocken weit \u00fcber Landesgrenzen hinaus Absatz fanden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der anfangs betr\u00e4chtlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten wuchs die Einwohnerzahl der Kolonie Kleinwelka stetig. 1761 lebten 197 Geschwister im Ort. 1777 z\u00e4hlte man 293 und drei Jahre sp\u00e4ter bereits 339 Einwohner. Ende des 18. Jahrhunderts wurden 433 Bewohner registriert. Im Vergleich zu anderen Niederlassungen der Br\u00fcdergemeine war Kleinwelka jedoch deutlich l\u00e4ndlicher und schlichter gepr\u00e4gt. Weder erreichte es die Wirtschaftskraft der schlesischen Niederlassungen noch Glanz und Ansehen b\u00fcrgerlich-st\u00e4dtischer Zentren wie Herrnhut oder Neuwied.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Mp_046_02-Gro\u00df.jpg\" alt=\"Den Kupferstich aus dem Jahr 1782 kennzeichnet ein zweiteiliger Bildaufbau. Etwa zwei Drittel nimmt ein Lageplan der Kolonie Kleinwelka ein. Der alte Ortskern an der Stra\u00dfe nach Hoyerswerda und die neue Siedlung, die auf den Fluren des Rittergutes entstand, sind farblich deutlich voneinander abgesetzt. Auf dem unteren Bilddrittel ist eine Ansicht Kleinwelkas gegen Westen zu sehen. Die wichtigsten Geb\u00e4ude, wie etwa Gemeinsaal, Br\u00fcder- und Schwesternhaus sind auf beiden Bildteilen ausgezeichnet.\" class=\"wp-image-508\" width=\"486\" height=\"583\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Mp_046_02-Gro\u00df.jpg 648w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/TS_Mp_046_02-Gro\u00df-250x300.jpg 250w\" sizes=\"auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><figcaption>Ansicht und Plan von Kleinwelka mit Angabe der bedeutenden Geb\u00e4ude, 1782. Kupferstich von I. G. Krause (Unit\u00e4tsarchiv Herrnhut). Ansicht und Plan Kleinwelkas verdeutlichen den rasanten Wachstum des Ortes. Binnen weniger Jahre ist aus dem kleinen Rittergut ein Herrnhuter Gemeinort mit zahlreichen Wirtschaftsbetrieben und Gemeineinrichtungen entstanden. Dazu z\u00e4hlen etwa Friedhof (1756), Kirchensaal (1757\/58), Br\u00fcderhaus (1765), Schwesternhaus (1770), Knabenanstalt (1778), M\u00e4dchenanstalt (1781) und Gemeinlogis (1781). Neben ersten Handwerksbetrieben wie B\u00e4ckerei, Gerberei. Weberei, Schuhmacher und Schmiede, entstanden auch landwirtschaftliche Einrichtungen sowie eine Tabakfabrik.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Der Weg nach Kleinwelka<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Diasporageschwister hegte den Wunsch, sich in Kleinwelka oder einer anderen br\u00fcderischen Kolonie niederlassen zu d\u00fcrfen. Dazu mussten die Geschwister jedoch frei von herrschaftlichen Bindungen und ihre wirtschaftliche Versorgung und Unterbringung im Gemeinort gekl\u00e4rt sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einzelpersonen fanden meist in den Chorh\u00e4usern Platz oder traten eine Gesindestelle bei Ortsgeschwistern an. Mit den weitestgehend selbstverwalteten Chorh\u00e4usern bot die Br\u00fcdergemeine vor allem Frauen eine attraktive Alternative zu den herk\u00f6mmlichen Lebensmodellen als Ehefrau oder unverheiratete Dienstmagd. Hier waren die Mitglieder bei relativer Eigenst\u00e4ndigkeit sozial abgesichert und in eine gr\u00f6\u00dfere Gemeinschaft eingebunden. Zudem war der Stand mit einem gewissen sozialen Prestige verbunden und er\u00f6ffnete durch verschiedene \u00c4mter und Funktionen M\u00f6glichkeiten des sozialen Aufstiegs.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcbersiedlung von Familien in einen Gemeinort gestaltete sich dagegen etwas schwieriger, musste doch zun\u00e4chst die Versorgung aller Familienmitglieder gesichert bzw. eine eintr\u00e4gliche Wirtschaft gefunden werden. Nur wenigen Diasporafamilien gelang es darum, sich dauerhaft in Kleinwelka oder anderen Br\u00fcderorten niederzulassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Um so wichtiger war vielen deshalb der regelm\u00e4\u00dfige Besuch in Kleinwelka. Alle zwei Wochen, zum sogenannten gro\u00dfen Sonntag, kamen die Diasporageschwister aus den sorbischen D\u00f6rfern zusammen. F\u00fcr einen gro\u00dfen Teil war es zudem ein besonderes Herzensanliegen, die hohen kirchlichen Feiertage in Kleinwelka zu verbringen. So war der dritte Feiertag der gro\u00dfen kirchlichen Festtage in Kleinwelka ganz den Diasporageschwistern vorbehalten, auch gr\u00f6\u00dfere Besuchsgruppen aus der Niederlausitz waren dann meist anwesend. Die besuchenden Erweckten kamen in der Regel bei Ortsgeschwistern unter, bis 1778 das Diasporahaus eingeweiht wurde, wo gr\u00f6\u00dfere Soziet\u00e4ten eigene Zimmer f\u00fcr sich vorhielten. Aufgrund der vielen ausw\u00e4rtigen Geschwister war der sorbische Anteil an den Gottesdiensten zu den hohen Festtagen h\u00f6her als gew\u00f6hnlich. Regelm\u00e4\u00dfig wurde dann in sorbischer Sprache gepredigt, gesungen und gebetet sowie Seelsorge in sorbischer Sprache angeboten. Teilweise war der Kirchsaal an diesen hohen Festtagen so gut besucht, dass die Ortsgeschwister gebeten wurden, selbst nicht zum Gottesdienst zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kleinwelka war jedoch nicht nur zentraler Gottesdienstort der erweckten Sorben, sondern von Beginn an auch ein wichtiger Platz f\u00fcr Austausch und Handel. Hier trafen Diasporageschwister, Sympathisanten der Br\u00fcdergemeine und Neugierige aus der Ober- und Niederlausitz zusammen, es wurden Neuigkeiten ausgetauscht, Besorgungen erledigt, (wirtschaftliche) Kontakte gekn\u00fcpft und nicht selten auch Stellen vermittelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kleinwelka als geistliches und kulturelles Zentrum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Besuch Kleinwelkas war f\u00fcr viele Diasporageschwister ein eindr\u00fcckliches Erlebnis. Die st\u00e4dtisch gepr\u00e4gte Architektur, die besondere innere und \u00e4u\u00dfere Verfassung der Gemeine, wie etwa die strikte Geschlechtertrennung, besondere Trachten und Verhaltensvorschriften, das ausgepr\u00e4gte musikalische Leben sowie die ungew\u00f6hnliche gottesdienstliche Ausgestaltung, hinterlie\u00dfen einen tiefen Eindruck. An hohen Festtagen, wo sich Hunderte Gl\u00e4ubige unterschiedlicher sozialer Schichten in Kleinwelka versammelten, mochte das Erleben einer festlichen, geistlich gepr\u00e4gten Gegenwelt zum gew\u00f6hnlichen Alltag noch eindr\u00fccklicher gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Charakteristisch f\u00fcr das gottesdienstliche Leben der Br\u00fcdergemeine waren eine Vielzahl neuer liturgischer Formen, wie etwa die Singstunde, das Liebesmahl oder das Anbeten der Abendmahlsgeschwister, sowie neue Riten, wie die Fu\u00dfwaschung am Gr\u00fcndonnerstag oder der Gang zum Gottesacker am Ostermorgen. Nicht weniger anziehend wirkten die konsequente Einbeziehung von Laien in die Verk\u00fcndigungs- und Seelsorgearbeit, eine sehr emotionale Predigtsprache sowie eine f\u00fcr den d\u00f6rflichen Raum reiche musikalische Ausgestaltung durch Chor, Bl\u00e4ser und Streicher. Zudem wurden regelm\u00e4\u00dfig besondere Kinderstunden angeboten bzw. die Kinder durch Riten und musikalische Gestaltung in das gottesdienstliche Leben einbezogen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur im Hinblick auf das geistliche sowie k\u00fcnstlerisch-musikalische Leben entwickelte sich Kleinwelka rasch zum bedeutenden kulturellen Zentrum inmitten der sorbischen Lausitz. Binnen weniger Jahre profilierte es sich auch als Bildungsstandort. Viele Bewohner der Lausitz, vor allem jedoch die Mitglieder der sorbischen Diaspora w\u00fcnschten eine Ausbildung ihrer Kinder an den Anstalten in Kleinwelka oder in den ortsans\u00e4ssigen Handwerks- und Gewerbebetrieben. Mit zunehmender Etablierung sandten gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch Lausitzer Adlige ihre Kinder in die Kleinwelkaer Schulanstalten. Ab 1800 wurden diese dann zu Internatsschulen f\u00fcr Kinder br\u00fcderischer Missionarsfamilien ausgebaut. Bis zur Schlie\u00dfung der international ausgerichteten Schulen 1942 besuchten ann\u00e4hernd 2 000 Kinder aus aller Welt die Kleinwelkaer Missionsschulanstalten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/GS_620-Gro\u00df-1024x756.jpg\" alt=\"Im Bildzentrum befindet sich die Kleinwelkaer Knabenanstalt, ein schlichter einst\u00f6ckiger Bau. Auf dem Platz vor dem Schulgeb\u00e4ude sind etliche spielende Kinder mit ihren Erziehern zu sehen. Den linken Bildrand dominiert ein h\u00f6lzernes Brunnhaus.\" class=\"wp-image-497\" width=\"768\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/GS_620-Gro\u00df-1024x756.jpg 1024w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/GS_620-Gro\u00df-300x221.jpg 300w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/GS_620-Gro\u00df-768x567.jpg 768w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/GS_620-Gro\u00df.jpg 1463w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Die \u00e4lteste Missionsknabenanstalt (1778-1838) in Kleinwelka, \u00d6lgem\u00e4lde [19. Jahrhundert] (Unit\u00e4tsarchiv Herrnhut). <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Eine besondere kulturgeschichtliche Bedeutung erlangte Kleinwelka in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts als Zentrum des sorbischen Schrifttums. Regelm\u00e4\u00dfig wurden hier Gemeinnachrichten, br\u00fcderische Lieder, liturgische Texte, Lebensl\u00e4ufe und Predigten ins Sorbische \u00fcbersetzt. Zust\u00e4ndig daf\u00fcr waren die jeweiligen Diasporaarbeiter, die von einigen Sorben, Laien wie Geistlichen, unterst\u00fctzt wurden. Die \u00dcbersetzungen wurden f\u00fcr den Gebrauch in Kleinwelka angefertigt, kursierten aber auch in den sorbischen Soziet\u00e4ten der Lausitz. Sowohl in Kleinwelka als auch in den Versammlungen vor Ort wurde auf diese Weise der Umgang mit sorbischer Schrift und sorbischen Texten einge\u00fcbt und f\u00fcr viele Diasporageschwister zur allt\u00e4glichen Praxis. Die Br\u00fcdergemeine tr\u00e4gt somit gro\u00dfen Anteil an der sorbischsprachigen Alphabetisierung gro\u00dfer Teile der evangelischen Sorben. Die meisten der \u00fcbersetzten br\u00fcderischen Texte existierten als Handschrift, nur einige wenige, wie etwa Zinzendorfs Reden an die Diaspora, wurden auch gedruckt. Von dem einst sehr umfangreichen sorbischen br\u00fcderischen Schrifttum sind allerdings nur noch wenige Bruchst\u00fccke erhalten: ein zweisprachiges Liedblatt, eine sorbische Predigt aus dem Jahr 1756 sowie drei sorbisch-deutsche W\u00f6rterb\u00fccher, die die intensive Auseinandersetzung mit dem Sorbischen in Kleinwelka dokumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00fcckgang des Sorbischen in Kleinwelka<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der zunehmenden Institutionalisierung und strengen wirtschaftlichen Konsolidierung, in deren Zuge zahlreiche Verantwortungstr\u00e4ger aus deutschsprachigen Gemeinorten nach Kleinwelka berufen wurden, nahm der sorbische Charakter Kleinwelkas im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kontinuierlich ab. Diese Entwicklung wurde durch das fehlende Bewusstsein f\u00fcr die Seelsorge in sorbischer Sprache bei nachr\u00fcckenden Akteuren bef\u00f6rdert. Dar\u00fcber hinaus bedeutete der erfolgreiche Aufbau der Missionsschulanstalten die zunehmende Einbindung Kleinwelkas in den internationalen Kommunikationsraum der Br\u00fcdergemeine. So verlor das Sorbische im Laufe des 18. Jahrhunderts als \u00f6ffentliche (Liturgie-)Sprache in Kleinwelka zunehmend an Bedeutung. In den Chorh\u00e4usern und einzelnen Familien war es dagegen l\u00e4nger pr\u00e4sent. Entsprechend dieser Entwicklung sank gegen Ende des 18. Jahrhunderts allm\u00e4hlich die Zahl der sorbischen Diasporageschwister. Gleichwohl blieb Kleinwelka f\u00fcr einzelne sorbische Soziet\u00e4ten und zerstreut wohnende Geschwister auch im 19. Jahrhundert noch ein zentraler geistlicher Ortientierungsort.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Weiter zu: <a href=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/herrnhuter-lebenslaeufe\/diaspora\/\">Die sorbische Diaspora<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die sorbischen Erweckten im Sommer 1751 das Teichnitzer Schloss verlie\u00dfen und sich auf Einladung von Matth\u00e4us Lange nach Kleinwelka begaben, war nicht abzusehen, dass hier in den folgenden Jahrzehnten eine weitere br\u00fcderische Siedlung entstehen w\u00fcrde. 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