{"id":1183,"date":"2019-05-03T15:16:07","date_gmt":"2019-05-03T13:16:07","guid":{"rendered":"http:\/\/sorabicon.dev.webstitut.de\/?page_id=1183"},"modified":"2020-06-11T13:40:28","modified_gmt":"2020-06-11T11:40:28","slug":"zur-rezeption-und-wirkungsgeschichte-der-statistika-luziskich-serbow-von-arnost-muka","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www1.sorabicon.de\/hsb\/statistik-der-sorben\/zur-rezeption-und-wirkungsgeschichte-der-statistika-luziskich-serbow-von-arnost-muka\/","title":{"rendered":"Zur Rezeption und Wirkungsgeschichte der \u201eStatistika \u0142u\u017eiskich Serbow\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><br>Der Blick auf die unmittelbare Rezeption von Mukas 1886 im Selbstverlag als Monografie erschienener &#8220;Statistik&#8221;, die er zuvor ab 1884 in drei Teilen in der Zeitschrift der Ma\u0107ica Serbska publiziert hatte, gibt Einblick in die Reichweite sorabistischer Publizistik dieser Zeit. Mit der &#8220;Statistik&#8221; stehen wir einer der wichtigsten sorbischen wissenschaftlichen Studie der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts gegen\u00fcber. Das Vorhaben ist auf unterschiedlichen Ebenen bedeutsam: Mukas Text bietet aus volkskundlich-sorabistischer Perspektive den ersten sich auf der H\u00f6he des zeitgen\u00f6ssischen Nationaldiskurses befindlichen Ansatz f\u00fcr einen modernen sorbischen Volksbegriff, er sucht die direkte Kontroverse mit der als beherrschend und h\u00e4ufig feindlich erlebten deutschen Diskursposition in Wissenschaft und (sprach-)politischer Verwaltung und er stellt als zeitweises Gruppenprojekt nicht zuletzt die publizistische und empiristische Leistungsf\u00e4higkeit der in der Ma\u0107ica Serbska organisierten sorbischen Wissenschaftler und\/oder Aktivisten unter Beweis. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Bedeutung wird die zeitgen\u00f6ssische \u00f6ffentliche Rezeption der &#8220;Statistik&#8221; allerdings nur teilweise gerecht. Mukas Gro\u00dfprojekt stie\u00df vor allem in den \u00fcber die Zeitschrift der Ma\u0107ica Serbska mit der sorbischen Publizistik verbundenen polnischen und tschechischen Nachbarslawinen auf Resonanz unter Fachkollegen, die im Fall von Adolf \u010cern\u00fd zugleich enge Freunde und wissenschaftliche Wegbegleiter Mukas waren. Sie ver\u00f6ffentlichten auch einzelne Besprechungen des Buches u. a. in polnischen und tschechischen Periodika. Neben einer sorbischen Rezension von Jurij Lib\u0161 in der Nummer 8\/1886 findet sich in der Zeitschrift der Ma\u0107ica dieses Jahrgangs zudem die Nachricht, dass mehrere deutsche Provinzialzeitungen in der Lausitz Mukas deutlich von den amtlichen Zahlen abweichenden Sorbenzahlen ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tten. Wissenschaftlich blieben die \u00f6ffentlichen Reaktionen aus der deutschsprachigen regionalen wie \u00fcberregionalen akademischen Welt jedoch aus. Hatte z. B. das \u201eNeue Lausitzische Magazin\u201c der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu G\u00f6rlitz 1876 noch Richard Andrees \u201eWendische Wanderstudien\u201c ausf\u00fchrlich besprochen, fand die in gewissen Aspekten auch als <em>sorbische Antwort<\/em> zu verstehende Studie Mukas hier keinerlei Erw\u00e4hnung. Das gleiche Bild bietet sich beim Blick in die \u00fcberregionalen, mit volkskundlichen Themen befassten Periodika. Bis heute hat sich an diesem Befund in Bezug auf die &#8220;Statistik&#8221; quasi nichts ver\u00e4ndert. Der Text ist in der deutschen Volkskunde und Soziologie weithin unbekannt, wird daher in fachgeschichtlichen Lehrb\u00fcchern nicht thematisiert und findet so auch in der universit\u00e4ren Ausbildung keine Beachtung, wo er als besonders eindr\u00fcckliches Beispiel f\u00fcr die ablehnend-skeptische Position dienen k\u00f6nnte, von der aus die Gr\u00fcndungsgeneration der wissenschaftlichen Volkskunde im deutschen Sprachraum die Industrialisierung und Modernisierung beschrieb. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings ist dieser Befund auch der besonderen Situation der sorbischsprachigen Publizistik geschuldet, die zwar einerseits dem deutschen Diskursraum angeh\u00f6rt und dessen politischen Rahmensetzungen unterworfen ist, ihn aber h\u00e4ufig absichtsvoll aus der Perspektive des anderen betrachtet, wie Muka das auch in seiner &#8220;Statistik&#8221; tut, in der sich <em>sorbisches Land<\/em> und <em>Deutschland <\/em>als Innen und Au\u00dfen gegen\u00fcberstehen. Die Sorbischsprachigkeit des Textes ist hier zweifach zu sehen: Einerseits wirkt sie kr\u00e4ftigend in die Sprachgruppe hinein und hilft ganz wesentlich dabei, einen eigenen wissenschaftlichen publizistischen Sprachraum \u00fcberhaupt erst zu erschaffen. Andererseits wird eine sprachliche Grenzziehung gegen das als Au\u00dfen positionierte <em>Deutsche <\/em>vorgenommen, das nicht zuletzt als wissenschaftliche \u00d6ffentlichkeit im Jahr 1886 nur in wenigen F\u00e4llen des Sorbischen m\u00e4chtig war. F\u00fchrt man sich vor Augen, dass Mukas &#8220;Statistik&#8221; seit ihrem Erscheinen nie eine Neuauflage erfahren hat oder bisher in ihrer Gesamtheit ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde, so liegt auch hierin ein Grund f\u00fcr die konstatierte relative Unbekanntheit des Textes in Deutschland bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtet man den Blick nun auf die slawistische bzw. sorabistische Wirkungsgeschichte des Textes, so trifft man auf zwei Tendenzen: Zum einen diente Mukas Studie in kleinerem Umfang als Inspiration bzw. Quelle einiger bedeutender Einzelarbeiten. Zum anderen stellt die &#8220;Statistik&#8221; vordringlich mit Blick auf ihr Zahlenmaterial eine gern genutzte Quelle f\u00fcr ein weites Feld sorabistischer und thematisch verwandter Publizistik dar, ohne dabei in ihrer textlichen Tiefe und Quellenbreite aber angemessen ausgesch\u00f6pft zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf die Einzelarbeiten gilt es, drei Publikationen besonders hervorzuheben: 1899 ver\u00f6ffentlichte der polnische Slawist Stefan Ramu\u0142t (1859\u20131913) die \u201eStatystyka ludno\u015bci kaszubskiej\u201c, eine an Mukas Projekt orientierte &#8220;Statistik&#8221; der Kaschuben. Ramu\u0142t und Muka standen in brieflicher Korrespondenz und der polnische Slawist in Krakau hatte immer wieder Interesse an den Publikationen der Ma\u0107ica Serbska gezeigt. Seine &#8220;Statistik&#8221; ist im Vergleich zu Muka methodisch strenger und konzentrierter und verzichtet weitgehend auf volkskundliche und kultursoziologische Betrachtungen und daran gekoppelte politische Wertungen, wie Muka sie vornimmt. Ramu\u0142ts Sprachbeherrschungs-Tabellen der einzelnen D\u00f6rfer und die daraus entwickelte Karte des kaschubischen Sprachgebietes weisen aber eindeutig auf das sorbische Vorbild hin. Die zweite wichtige Arbeit, die Mukas &#8220;Statistik&#8221; zur Basis w\u00e4hlte, legte der Sorabist Ernst Tschernik (1910\u20131988) mit seiner demografischen Studie \u201eDie Entwicklung der sorbischen Bev\u00f6lkerung von 1832 bis 1945\u201c im Jahr 1954 vor. In ihr druckte er Mukas Kirchgemeindetabellen vollst\u00e4ndig in deutscher \u00dcbersetzung ab, ging jedoch auf seine ethnografischen und historischen Beschreibungen, die immerhin etwa zwei Drittel des Textkorpus der &#8220;Statistik&#8221; ausmachen, nur sehr knapp ein. Mukas Zahlen bildeten auch die Grundlage und Vergleichsebene von Tscherniks eigener Erhebung der sorbischen Sprecherzahlen in Ober- und Niederlausitz im Jahr 1954, deren Ergebnisse aber nicht publiziert wurden, da man minderheitspolitische Nachteile aufgrund der abnehmenden Zahlen bef\u00fcrchtete. Damit deuten sich an diesem Punkt zwei im Fortgang wichtige Ph\u00e4nomene an: zum einen die Verk\u00fcrzung von Mukas Text auf sein Zahlenmaterial, zum anderen die von sorbischer Seite zunehmende Ablehnung der Idee, sorbisch sprechende Menschen angesichts des schrumpfenden aktiv zweisprachigen Gebiets in der Lausitz quantifizieren zu wollen. Einen origin\u00e4r anderen Zugang zu Mukas Text w\u00e4hlte schlie\u00dflich Martin Walde im Jahr 2012. In seinem Langessay \u201eWie man seine Sprache hassen lernt \u2013 sozialpsychologische \u00dcberlegungen zum deutsch-sorbischen Konfliktverh\u00e4ltnis\u201c fokussiert er sich erstmals in der Sorabistik ausschlie\u00dflich auf die ethnografischen Passagen der &#8220;Statistik&#8221;, um anhand von Mukas Beschreibungen seine Thesen zu den psychodynamischen Bedingungen zu st\u00fctzen, die nach Walde der Sprachweitergabe des Sorbischen aus einer sorbischen Binnenperspektive heraus im Weg standen. Hierbei folgt er Mukas dichotomischer Weltteilung in <em>sorbisch<\/em> und <em>deutsch <\/em>und widmet sich u. a. ausf\u00fchrlich der von Muka gepr\u00e4gten Figur des <em>n\u011bmcowar<\/em>, also des die eigene sorbische Muttersprache aktiv bek\u00e4mpfenden <em>Deutschlers<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesen hervorzuhebenden Einzelstudien bildet die \u201eStatistika \u0142u\u017eiskich Serbow\u201c als wissenschaftlicher Klassiker einen allgemeinen Fixpunkt im kulturellen Ged\u00e4chtnis der Sorben \u2013 was aber nicht gleichbedeutend mit einer hohen allgemeinen Kenntnis des konkreten Textkorpus zu verstehen ist. Mukas erhobene Zahlen finden sich in zahlreichen Wikipedia-Ortseintr\u00e4gen zur Lausitz wieder und seine Definition der ober- und niedersorbischen Kirchspiele sowie die Karte des sorbischsprachigen Gebietes im Anhang der &#8220;Statistik&#8221; bilden bis heute wichtige Grundlagen f\u00fcr die rechtliche Definition des sorbischen Siedlungsgebietes in den Bundesl\u00e4ndern Brandenburg und Sachsen. Die Seite aus Teil 3 der &#8220;Statistik&#8221;, auf der er seine Ergebnisse \u00fcberblicksartig zusammenfasst, ist derzeit gemeinsam mit der Karte ein Teil der Dauerausstellung des Sorbischen Museums in Bautzen und damit zu einem eigenen Erinnerungsort der sorbischen Geschichte geronnen. Sein <em>n\u011bmcowar <\/em>hat es bis zum Songtitel der deutsch-sorbischen Berliner Band \u201e\u010corna kru\u0161wa\u201c gebracht. Schlie\u00dflich ist auch Muka selbst als ber\u00fchmter <em>Sorbenz\u00e4hler <\/em>in Teilaspekte der Figur des R\u00fchmsack in Kito Lorenc Tragigroteske \u201eDie wendische Schifffahrt\u201c eingeflossen. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings fokussieren sich diese vielf\u00e4ltigen Bezugnahmen wie bereits angedeutet im sorbischen Blickwinkel sehr stark auf Mukas Zahlenmaterial, also die Quantifizierung der Sorben \u2013 und nur wenig auf die geschichtswissenschaftlichen, ethnografischen und soziologischen Aspekte des Textes. Auch eine kritische Analyse von Mukas hierbei getroffenen Zuschreibungen und Postulaten zur sorbischen Kultur ist bisher in sorabistischer Perspektive nicht \u00fcber erste Ans\u00e4tze hinausgekommen. Arno\u0161t Muka erf\u00e4hrt heute in der Sorabistik und der Slawistik vor allem als bedeutender Linguist des Niedersorbischen sowie als zentraler Organisator des wissenschaftlichen, (kultur-)politischen und gesellschaftlichen sorbischen Lebens seiner Epoche Wertsch\u00e4tzung. Dass er in dieser zweiten Funktion mit seinen volkskundlichen Arbeiten, allen voran seiner &#8220;Statistik&#8221;, nachhaltig die Richtung, die kulturtheoretischen Grundannahmen und damit auch die blinden Flecke der sorabistischen Forschung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts und in Teilaspekten noch weit dar\u00fcber hinaus pr\u00e4gte, geriet dabei etwas aus dem Blick. Mukas &#8220;Statistik&#8221; ist im Lauf des 20. Jahrhunderts zu einem diskursgeschichtlichen Denkmal geworden, hinter dem der eigentliche Text verblasste. Es gilt daher in Zukunft, sie wieder zu einer sprechenden Quelle zu machen und f\u00fcr die fruchtbare Analyse neu zu \u00f6ffnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Literatur<\/p>\n\n\n\n<p>Lorenc, Kito: Die Wendische Schifffahrt. Bautzen 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Muka, Arno\u0161t: Statistika \u0142u\u017eiskich Serbow. Budy\u0161in 1884\u20131886.<\/p>\n\n\n\n<p>Norberg, Madlena; Kosta, Peter (Hg.): Arno\u0161t Muka \u2013 Ein Sorbe und Universalgelehrter. Potsdam 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Petr, Jan: Arno\u0161t Muka.\nBudy\u0161in, 1978.<\/p>\n\n\n\n<p>Ramu\u0142t, Stefan: Statystyka ludno\u015bci kaszubskiej. Krak\u00f3w 1899.<\/p>\n\n\n\n<p>Schuster-\u0160ewc, Heinz: Arno\u0161t Muka als Sorabist und Slawist, in: L\u011btopis A (1975), S. 130\u2013142. <\/p>\n\n\n\n<p>Tschernik, Ernst: Die Entwicklung der sorbischen Bev\u00f6lkerung von 1832 bis 1945. Berlin 1954.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeil, Wilhelm: Polnisch-sorbische Wissenschaftsbeziehungen im Spiegel unver\u00f6ffentlichter Briefe Stefan Ramu\u0142ts an Korla Arno\u0161t Muka 1884 \u2013 1905. In: P Polsko-\u0142u\u017cyckie stosunki literackie, Wroc\u0142aw-Warszawa-Krak\u00f3w 1970, S. 35\u201345.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blick auf die unmittelbare Rezeption von Mukas 1886 im Selbstverlag als Monografie erschienener &#8220;Statistik&#8221;, die er zuvor ab 1884 in drei Teilen in der Zeitschrift der Ma\u0107ica Serbska publiziert hatte, gibt Einblick in die Reichweite sorabistischer Publizistik dieser Zeit. 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