{"id":362,"date":"2019-04-15T15:37:36","date_gmt":"2019-04-15T13:37:36","guid":{"rendered":"http:\/\/sorabicon.dev.webstitut.de\/?page_id=362"},"modified":"2020-06-11T14:16:47","modified_gmt":"2020-06-11T12:16:47","slug":"diaspora","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www1.sorabicon.de\/hsb\/herrnhuter-lebenslaeufe\/diaspora\/","title":{"rendered":"Die sorbische Diaspora"},"content":{"rendered":"\n<p>Wichtiger als das t\u00e4gliche Zusammenleben in den Ortsgemeinen war Nikolaus Ludwig von Zinzendorf die Sammlung und geistliche St\u00e4rkung der zerstreut lebenden Freunde und Anh\u00e4nger der Herrnhuter. Diese wurden Diasporageschwister genannt, blieben in der Regel Mitglied der \u00f6rtlichen Kirchgemeinde und sollten nach Zinzendorfs Vorstellung erbaulich in diese hineinwirken. Betreut wurden sie von einem Diasporaarbeiter, der gegen\u00fcber der Kirchenleitung in Herrnhut rechenschaftspflichtig war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die sorbische Diasporaarbeit, die zu den ersten der Br\u00fcdergemeine z\u00e4hlt, entwickelte sich seit Ende der 1720er Jahre in zun\u00e4chst eher losen Strukturen. In der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts wurde sie verbindlicher organisiert und Teil des weitl\u00e4ufigen Diasporawerkes, das die Br\u00fcdergemeine in Deutschland und vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern aufbaute. Vor allem in Livland, den skandinavischen L\u00e4ndern, der Schweiz und Osteuropa hinterlie\u00df dies bleibende Spuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstes \u00fcberregionales Versammlungszentrum der sorbischen Geschwister war das Schloss in Teichnitz, das Graf Friedrich Caspar von Gersdorf nach 1744 zum zentralen Treffpunkt ausbauen lie\u00df. Daf\u00fcr wurde ein gro\u00dfer Versammlungssaal errichtet und ein Theologe angestellt, der die Arbeit unter den sorbischen Geschwistern koordinieren und organisieren sollte. Nach Gersdorfs Tod 1751 zogen die sorbischen Geschwister ins benachbarte Kleinwelka, das sich binnen weniger Jahre zur Ortsgemeine und zum Zentrum der sorbischen Diaspora entwickelte. Der Prediger von Kleinwelka war zugleich der f\u00fcr die sorbische Ober- und Niederlausitz zust\u00e4ndige Diasporaarbeiter. Aufgrund des starken Wachstums wurden in die Niederlausitz jedoch bald eigene Diasporaarbeiter entsandt. Neben der sorbischen Diaspora waren die Prediger von Kleinwelka \u00fcber Jahrzehnte hinweg auch f\u00fcr die deutschsprachige Soziet\u00e4t in Neukirch zust\u00e4ndig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_MP_099_13-Gro\u00df-1024x788.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4035\" width=\"768\" height=\"591\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_MP_099_13-Gro\u00df-1024x788.jpg 1024w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_MP_099_13-Gro\u00df-300x231.jpg 300w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_MP_099_13-Gro\u00df-768x591.jpg 768w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_MP_099_13-Gro\u00df.jpg 1403w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>\u00dcbersichtskarte der sorbischen Diaspora aus dem Jahr 1754. Die wichtigsten Versammlungsorte der sorbischen Geschwister sind mit einem Kugelkreuz gekennzeichnet: Altl\u00f6bau, Sorn\u00dfig, Plotzen, D\u00f6hlen, Guttau und Saritsch sowie Stradow (1983\/84 devastiert) in der Niederlausitz. Weitere Orte, an denen gr\u00f6\u00dfere Diasporagruppen bestanden, sind mit einem roten Punkt markiert. Am linken unteren Bildrand ist das Gutshaus von Kleinwelka abgebildet, das bis zum Saalbau 1757\/58 als zentraler Versammlungsort aller sorbischen Geschwister diente. (Unit\u00e4tsarchiv Herrnhut)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Organisation und Gestaltung der Diaspora<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um die religi\u00f6se Erbauung vor Ort zu organisieren und zu strukturieren, wurden die verstreut wohnenden Freunde und Sympathisanten in Gesellschaften und Soziet\u00e4ten zusammengefasst. Dabei stellten die Soziet\u00e4ten eine fester strukturierte und verbindlichere Form als die Gesellschaften dar und konnten wiederum in kleinere Gesellschaften aufgeteilt werden. Geleitet wurden diese Gruppen von den Nationalhelfern oder Gehilfen. Diese wurden vom Diasporaarbeiter ausgew\u00e4hlt und ernannt und sollten ihm regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber ihre Arbeit berichten. Die Helfer waren f\u00fcr Ablauf und Ordnung der Versammlungen verantwortlich, sollten in Fragen des Glaubens und der Seelsorge erste Ansprechpartner sein und auf den Lebenswandel der Geschwister vor Ort achten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrer Gestaltung (Zeit, Ort, H\u00e4ufigkeit) und Zusammensetzung (M\u00e4nner, Frauen, Jugendliche und Kinder) waren die Gesellschaften und Soziet\u00e4ten relativ frei. H\u00e4ufig gab es eine Abstufung zwischen Vollmitgliedern und Mitgliedern, die noch nicht an allen Versammlungen und dem gemeinsamen Abendmahlsgang teilnehmen durften. \u00dcber Inhalt und Ablauf der <em>Stunden<\/em>, wie die Treffen meist genannt wurden, lagen vonseiten der Br\u00fcdergemeine relativ genaue Bestimmungen vor. Gemeinsames Beten und Singen bildete die Grundlage der Versammlung. Zu Beginn wurde in der Regel ein Kapitel aus der Bibel gelesen, jedoch nicht ausgelegt. Danach wurde eine Predigt aus Kreisen der Gemeine oder ein Abschnitt aus einem Erbauungsbuch verlesen. Alternativ konnte auch die Predigt wiederholt werden, die der Ortsgeistliche am Vormittag in der Kirche gehalten hatte und die von einem der Geschwister mitgeschrieben worden war. Allein dem Diasporaarbeiter war es vorbehalten, zu predigen, ansonsten waren die Versammlungen in den D\u00f6rfern an schriftliche Vorlagen gebunden. Dazu kursierte zwischen den einzelnen Soziet\u00e4ten und Kleinwelka br\u00fcderische Literatur: Nachrichten aus der Br\u00fcdergemeine und den Missionsstandorten, Lebensl\u00e4ufe von Geschwistern und Predigten in Druckform oder als Manuskript. In der anschlie\u00dfenden Unterhaltung sollten vor allem das religi\u00f6se Leben des Einzelnen und die gemeinsame Erbauung im Mittelpunkt stehen, Er\u00f6rterung und Kritik von weltlichen und kirchlichen Begebenheiten, das \u201elieblose Richten und Urteilen\u201c sowie \u201eleeres Geschw\u00e4tz\u201c sollten unterbleiben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Versammlungsorte und Mitgliederzahlen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine genaue Zahl der sorbischen Diasporageschwister l\u00e4sst sich schwer ermitteln, einige Befunde geben jedoch Einblick in die Wachstums- und Schrumpfungsprozesse innerhalb der sorbischen Diaspora. So z\u00e4hlte der Kleinwelkaer Prediger Wilhelm Biefer 1754 an 83 Orten der Nieder- und Oberlausitz 388 Geschwister. Soziet\u00e4ten bestanden zu diesem Zeitpunkt in der Seidau, in Altl\u00f6bau, Sorn\u00dfig mit Plotzen und Gro\u00dfdehsa, D\u00f6hlen mit umliegenden D\u00f6rfern, Saritsch mit Loga, Luga und Bl\u00f6sa, Demitz mit G\u00f6da und Pohla, Guttau mit Salga, Hoyerswerda sowie in L\u00fcbbenau mit Zauche und Stradow. Folgende Tabelle gibt einen \u00dcberblick \u00fcber das Soziet\u00e4tswesen im Jahr 1759\/60, in dem 523 Geschwister in der obersorbischen Diaspora gez\u00e4hlt wurden. Diese wurden von 67 sorbischen Helfern (\u201eArbeitern aus der Nation\u201c), die sich alle 14 Tage in Kleinwelka versammelten, betreut.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table aligncenter is-style-stripes\"><table><tbody><tr><td>\n<strong>Ort<\/strong>\n<\/td><td>\n<strong>Erwachsene Geschwister<\/strong>\n<\/td><td>\n<strong>Kinder<\/strong>\n<\/td><td>\n<strong>Gesellschaften<\/strong>\n<\/td><\/tr><tr><td>\nSeidau\/Bautzen\n<\/td><td>\n64\n<\/td><td>\n25\n<\/td><td>\n10\n<\/td><\/tr><tr><td>\nCunewalde\n<\/td><td>\n41\n<\/td><td>\n15\n<\/td><td>\n7\n<\/td><\/tr><tr><td>\nD\u00f6hlen\n<\/td><td>\n23\n<\/td><td>\n4\n<\/td><td>\n4\n<\/td><\/tr><tr><td>\nSorn\u00dfig\n<\/td><td>\n38\n<\/td><td>\n11\n<\/td><td>\n8\n<\/td><\/tr><tr><td>\n\u00d6lsa\n<\/td><td>\n22\n<\/td><td>\n11\n<\/td><td>\n8\n<\/td><\/tr><tr><td>\nBasch\u00fctz\n<\/td><td>\n45\n<\/td><td>\n10\n<\/td><td>\n5\n<\/td><\/tr><tr><td>\nKreckwitz\n<\/td><td>\n35\n<\/td><td>\n8\n<\/td><td>\n5\n<\/td><\/tr><tr><td>\nGuttau\/Klix\/Salga\n<\/td><td>\n30\n<\/td><td>\n2\n<\/td><td>\n3\n<\/td><\/tr><tr><td>\nSaritsch\n<\/td><td>\n39\n<\/td><td>\n8\n<\/td><td>\n4\n<\/td><\/tr><tr><td>\nDemitz\/Burkau\n<\/td><td>\n42\n<\/td><td>\n8\n<\/td><td>\n4\n<\/td><\/tr><tr><td>\nHoyerswerda\n<\/td><td>\n32\n<\/td><td>\n10\n<\/td><td>\n5\n<\/td><\/tr><tr><td>\n<br>\n<\/td><td>\n<br>\n<\/td><td>\n<br>\n<\/td><td>\n<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>\nInsgesamt\n<\/td><td>\n411\n<\/td><td>\n112\n<\/td><td>\n63\n<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Tab. 1. \u00dcbersicht der Diasporageschwister in der sorbischen Oberlausitz f\u00fcr das Jahr 1759\/60<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Zahlen entsprechend umfassten die Versammlungen vor Ort vermutlich zwischen zehn und 50 Besuchern. Doch finden sich in den Kleinwelkaer Berichten auch Belege f\u00fcr Versammlungen von bis zu 100 und mehr Anwesenden. Die Versammlungen waren von einer vertrauten Atmosph\u00e4re gepr\u00e4gt und fanden \u00fcberwiegend im rein sorbischsprachigen Umfeld statt. Meist trafen sich M\u00e4nner, Frauen und Kinder in der Stube eines Soziet\u00e4tsmitglieds, gr\u00f6\u00dfere Gruppen auch in Scheunen oder in der freien Natur. H\u00e4ufig gab es ganze Familien, die der Diaspora angeh\u00f6rten und wesentlich zur Gestaltung der Versammlungen an ihrem Wohnort beitrugen. Doch konnte es umgekehrt auch zu gro\u00dfen Auseinandersetzungen und Spaltungen in Familien kommen, wenn sich einige Familienmitglieder der Gemeine zuwandten, andere diese jedoch ablehnten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren H\u00f6hepunkt erreichte die sorbische Diasporaarbeit um 1780. Bei der Legung des Grundsteins f\u00fcr das Diasporahaus in Kleinwelka 1788 wurden 1 600 Personen in 144 Orten der Ober- und Niederlausitz gez\u00e4hlt. Danach ging die Zahl der Diasporageschwister langsam zur\u00fcck. In der Oberlausitz verlief dieser Prozess etwas schneller als in der Niederlausitz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das gesamte 18. Jahrhundert hinweg kam es immer wieder zu Neugr\u00fcndungen von Soziet\u00e4ten, wohingegen sie an anderen Orten wegfielen. So entwickelte sich beispielsweise in den 1760er Jahren in Gro\u00dfpostwitz eine gro\u00dfe und einflussreiche Soziet\u00e4t, kurze Zeit sp\u00e4ter eine weitere in Gau\u00dfig. Am Ende des 18. Jahrhunderts stellte die Kirchgemeinde Milkel ein \u00fcbergemeindliches Zentrum der Diaspora dar. Unter Pfarrer Johann Benade, der die Arbeit der Br\u00fcdergemeine engagiert unterst\u00fctzte, gr\u00fcndete sich hier um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine Soziet\u00e4t. Unter seinem Nachfolger, Pfarrer Johann Noack, wurde die Arbeit in Milkel so erfolgreich weitergef\u00fchrt, dass die Br\u00fcdergemeine um 1785 \u00fcberlegte, einen eigenen Versammlungssaal in Milkel zu errichten. Vor allem an den hohen Feiertagen besuchten zahlreiche Gl\u00e4ubige aus benachbarten Parochien und der Niederlausitz die Gottesdienste und Erbauungsstunden in Milkel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die sorbische Diaspora zwischen Landeskirche und freien Versammlungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht alle Geistlichen unterst\u00fctzten die Arbeit der Herrnhuter in ihren Gemeinden. Einige duldeten sie still, andere wiederum gingen \u00f6ffentlich gegen Diasporageschwister vor, verbaten ihre Versammlungen und regten Verhaftungen und Verh\u00f6re an. \u00c4hnliches gilt im Hinblick auf die \u00f6rtliche adlige Herrschaft und st\u00e4dtische Magistrate. Auch hier berichteten etliche Mitglieder der sorbischen Diaspora von Verfolgungen, Schm\u00e4hungen und Bedrohungen. Andererseits gab es gerade unter dem Lausitzer Adel zahlreiche Anh\u00e4nger der Br\u00fcdergemeine, die deren Arbeit unterst\u00fctzten und f\u00f6rderten. Aufgrund der zunehmenden politischen und kirchlichen Anerkennung der Herrnhuter und ihrer Arbeit in der Diaspora entspannte sich die Lage in der Oberlausitz in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts zusehends, etwas sp\u00e4ter auch in der Niederlausitz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herrnhuter Diasporaarbeiter und ihre Gehilfen mussten sich jedoch h\u00e4ufig nicht nur mit der kirchlichen und politischen Obrigkeit auseinandersetzen, sondern auch mit anderen religi\u00f6sen Gruppierungen. So tauchten im Umfeld der Gemeine immer wieder exponierte Wortf\u00fchrer und verschiedene Sondergruppierungen auf. Einige von ihnen lehnten generell alle kirchlichen Strukturen ab, andere wiederum pflegten eine endzeitlich gepr\u00e4gte Fr\u00f6mmigkeit. Weiteren Erweckten war die Herrnhutische Fr\u00f6mmigkeit zu emotional. Diese fanden h\u00e4ufig in Gro\u00dfwelka, das dem Halleschen Pietismus n\u00e4herstand, eine geistliche Heimat. Bis in die 1780er Jahre wurden dort, in direkter N\u00e4he und Konkurrenz zu Kleinwelka, eigene Erbauungsstunden gehalten. Daneben existierten in zahlreichen sorbischen D\u00f6rfern Versammlungen, die den br\u00fcderischen Stunden in Ablauf, inhaltlicher Ausrichtung und gesellschaftlicher Wirkung \u00e4hnelten, aber keine Verbindung zur Br\u00fcdergemeine hielten. So kamen in Gr\u00f6ditz, Rackel und Purschwitz um 1800 gr\u00f6\u00dfere Gruppen von bis zu 50 Personen regelm\u00e4\u00dfig zusammen. In Stiebitz trafen sich w\u00f6chentlich \u00fcber 70 Personen aus \u00fcber 14 D\u00f6rfern, darunter etliche Lehrer, zu erbaulichen Versammlungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/P1040930-Custom-1024x685.jpg\" alt=\"Das Kleinwelkaer Diasporahaus wurde 1778 errichtet. Hier fanden die besuchenden Geschwister aus der Ober- und Niederlausitz Unterkunft. 2019 (R. Malink).\" class=\"wp-image-576\" width=\"768\" height=\"514\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/P1040930-Custom-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/P1040930-Custom-300x201.jpg 300w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/P1040930-Custom-768x513.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Das Kleinwelkaer Diasporahaus wurde 1778 errichtet. Hier fanden die besuchenden Geschwister aus der Ober- und Niederlausitz Unterkunft. 2019 (R. Malink).\n<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die sorbische Diaspora in der Niederlausitz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1750 richtete sich der Fokus der sorbischen Diasporaarbeit zunehmend auf die Niederlausitz. Dort hatte es in den Jahren zuvor bereits religi\u00f6se Erweckungen gegeben, unter anderem durch Pfarrer Georg Petermann in Vetschau. An diese Erweckungen kn\u00fcpften die Diasporaarbeiter der Br\u00fcdergemeine bei ihren Besuchsreisen von Kleinwelka aus an. Durch die Soziet\u00e4ten und mit Unterst\u00fctzung der Nationalgehilfen gelang es ihnen binnen weniger Jahre, eine effektive und \u00e4u\u00dferst ansprechende Diasporaorganisation aufzubauen. So ist in den ersten Jahrzehnten ein rasantes Wachstum der Niederlausitzer Diaspora zu beobachten. Zun\u00e4chst konzentrierte sich die Arbeit auf die D\u00f6rfer rund um Burg und Cottbus, kurze Zeit sp\u00e4ter entstand in und um Spremberg ein weiteres wichtiges Zentrum. Bereits 1762 gab es 17 Helfer, die zahlreiche Gruppen in der Niederlausitz betreuten. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter war die Zahl der Helfer bereits auf 47 angewachsen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Wunsch zahlreicher Geschwister entsprechend und um die Arbeit in der Niederlausitz fester in die Diasporaarbeit der Br\u00fcdergemeine einzubinden, wurde 1764 in Str\u00f6bitz eine erste feste Niederlassung der Br\u00fcdergemeine gegr\u00fcndet. Die Eheleute Dorothea und Martin Winkler sowie die ledige Schwester Anna Elisabeth Messerschmidt betreuten von hier aus die Niederlausitzer Diaspora. Untergebracht waren die drei im Hof der Diasporageschwister Mudrick, die ihnen eine Ausgedingestube \u00fcberlassen hatten und weitere Versammlungsr\u00e4ume im Hof zur Verf\u00fcgung stellten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders als in der Oberlausitz, wo die Br\u00fcdergemeine in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts kaum noch mit Widerstand vonseiten kirchlicher wie staatlicher Beh\u00f6rden rechnen musste, stellte sich die Lage in der Niederlausitz dar. Hier kam es immer wieder zu Versammlungsverboten und Verfolgungen der Diasporaarbeiter, ihrer Gehilfen und einzelner Geschwister. Ferner bestanden teilweise Verbote, die Gemeinorte in der Oberlausitz zu besuchen sowie Kollekten innerhalb der Diaspora durchzuf\u00fchren. Allerdings ist in der Niederlausitz deutlich zwischen s\u00e4chsischem und preu\u00dfischem Teil zu unterscheiden. In Letzterem war der von kirchlicher wie staatlicher Seite getragene Widerstand gegen die Gemeine deutlich ausgepr\u00e4gter. Deshalb entschloss sich die Gemeine 1769 schlie\u00dflich, die Eheleute Winkler aus Str\u00f6bitz abzuziehen, sodass die Niederlausitzer Geschwister nun wieder auf gelegentliche wechselseitige Besuche angewiesen waren.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Limberg \u2013 Zentrum der Diasporaarbeit in der Niederlausitz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1776 unternahm die Br\u00fcdergemeine einen weiteren Versuch, eine kontinuierliche Diasporaarbeit in der Niederlausitz aufzubauen. Daf\u00fcr begab sich das Ehepaar Magdalena und Johann Georg Grunert von Kleinwelka nach Burg, wo es ihnen gelang, erfolgreich an die vorhergehende Arbeit anzukn\u00fcpfen. Der gro\u00dfe Zulauf, berichtet wird von Versammlungen mit bis zu 350 Zuh\u00f6rern, f\u00fchrte allerdings zu erneutem massiven Vorgehen gegen die Diasporaarbeiter und die br\u00fcderischen Versammlungen. Deshalb sah sich die Br\u00fcdergemeine gezwungen, die Diasporaarbeit Anfang der 1780er Jahre aus Burg ins s\u00e4chsische Limberg zu verlegen. Dort hatte Johann Georg Grunert im Namen der Herrnhuter ein Haus erworben, an das ein kleiner Versammlungssaal angebaut wurde. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war nun Limberg Zentrum der Diasporaarbeit in der Niederlausitz. Dort fanden regelm\u00e4\u00dfige Distrikttage mit mehreren Hundert Besuchern sowie monatliche Konferenzen der Gehilfen statt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder hofften die Geschwister in der Niederlausitz, die Br\u00fcdergemeine w\u00fcrde auch in ihrer Region einen eigenen Gemeinort aufbauen, doch war solches weder in Burg noch in Limberg leistbar. So blieben die Gemeinorte Herrnhut, Niesky und Kleinwelka wichtige Orientierungsorte der Niederlausitzer Geschwister. Vor allem in der Karwoche und zu Ostern machten sich zahlreiche Niederlausitzer Diasporageschwister auf den Weg, um die Feiertage in diesen Orten zu verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Besuchsreisen trugen nicht zuletzt dazu bei, dass innerhalb der sorbischen Diaspora ein weitgespanntes Informations- und Kontaktnetzwerk entstand, das die Erweckten in der Ober- und Niederlausitz miteinander verband. Die Reisen in die Gemeinorte oder der Weg zu Versammlungen in benachbarten Orten bot vielf\u00e4ltige Gelegenheit, nicht nur Seelsorge- und Glaubensfragen zu besprechen, sondern auch Neuigkeiten auszutauschen und Wirtschaftskontakte zu kn\u00fcpfen. Auf diese Weise f\u00f6rderte die Diasporaarbeit den sprachlich-kulturellen Austausch und die Vernetzung von Ober- und Niedersorben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihren H\u00f6hepunkt erreichte die Diasporaarbeit in der Niederlausitz um das Jahr 1786, als 1\u00a0400 Anh\u00e4nger beziffert wurden. Laut einer anderen Z\u00e4hlung gab es in dieser Zeit 40 Orte mit 1\u00a0200 Geschwistern und 300 Kindern, zu deren Pflege 96 Gehilfen berufen worden waren, die w\u00f6chentlich einen Taler, sp\u00e4ter zwei, als Aufwandsentsch\u00e4digung erhielten. In den Folgejahren fielen die Mitgliederzahlen langsam, am Ende des 18. Jahrhunderts wurden nur noch 1\u00a0100 Diasporageschwister gez\u00e4hlt. Eine wichtige Z\u00e4sur stellte der 1799 erfolgte Weggang des Bruders Johann Georg Grunert aus Limberg dar. Seine Nachfolger waren keine sorbischen Muttersprachler mehr und eigneten sich nur unzureichende Sorbischkenntnisse an, sodass sich immer weniger Sorbinnen und Sorben von der Arbeit der Br\u00fcdergemeine angesprochen f\u00fchlten. Dennoch sind auch in der Niederlausitz immer wieder neue Erweckungen zu beobachten, wie etwa in Turnow um 1808, als die sp\u00e4tere Missionarin Maria Lobach zur Br\u00fcdergemeine fand.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Weiter zu <a href=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/herrnhuter-lebenslaeufe\/kurzer-ueberblick-sorbische-geschichte-im-18-jahrhundert\/\">Kurzer \u00dcberblick: Geschichte der Sorben im 18. Jahrhundert <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wichtiger als das t\u00e4gliche Zusammenleben in den Ortsgemeinen war Nikolaus Ludwig von Zinzendorf die Sammlung und geistliche St\u00e4rkung der zerstreut lebenden Freunde und Anh\u00e4nger der Herrnhuter. Diese wurden Diasporageschwister genannt, blieben in der Regel Mitglied der \u00f6rtlichen Kirchgemeinde und sollten nach Zinzendorfs Vorstellung erbaulich in diese hineinwirken. 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