{"id":366,"date":"2019-04-15T15:38:40","date_gmt":"2019-04-15T13:38:40","guid":{"rendered":"http:\/\/sorabicon.dev.webstitut.de\/?page_id=366"},"modified":"2020-06-11T14:19:58","modified_gmt":"2020-06-11T12:19:58","slug":"kurzer-ueberblick-sorbische-geschichte-im-18-jahrhundert","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www1.sorabicon.de\/hsb\/herrnhuter-lebenslaeufe\/kurzer-ueberblick-sorbische-geschichte-im-18-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Kurzer \u00dcberblick: Sorbische Geschichte im 18. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Druck und Handschrift<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine breit angelegte Druckoffensive markiert aus sorbischer Perspektive den Beginn des 18. Jahrhunderts. Lagen bis dahin nur wenige B\u00fccher vor, wurden nun auf Initiative sorbischer Pfarrer, besonders hervorgehoben sei Michael Frentzel, einiger Adliger, so etwa der Freifrau Henriette Catharina von Gersdorf, sowie durch Unterst\u00fctzung der Oberlausitzer St\u00e4nde etliche f\u00fcr Gottesdienst und Unterricht ben\u00f6tigte Schriften in sorbischer Sprache gedruckt. Wichtige B\u00fccher dieser Zeit waren Luthers Kleiner Katechismus (1693), die Episteln und Evangelien (1695), die kirchliche Agende (1696), der Psalter (1703), das Neue Testament (1706) und das Gesangbuch (1710). Im Jahr 1728 wurde schlie\u00dflich die gesamte Bibel in obersorbischer Sprache gedruckt. Auf Niedersorbisch erschienen Luthers Kleiner Katechismus (1706) und das Neue Testament (1709). Alle diese B\u00fccher waren in erster Linie f\u00fcr den Dienst der Pfarrer, Kantoren und Lehrer gedacht. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts entstanden zunehmend Drucke, die sich an weitere Bev\u00f6lkerungskreise richteten. Gro\u00dfe Verbreitung fanden hier vor allem Gesangb\u00fccher, Andachtsliteratur und religi\u00f6se Traktate, gegen Ende des 18. Jahrhunderts erschienen dann erste weltliche Texte in sorbischer Sprache. Der vermehrte Druck sorbischer Texte ersetzte damals jedoch in keiner Weise ein reges Handschriftenwesen, vielmehr erg\u00e4nzten sich Druck- und Handschriftenkommunikation und standen in fruchtbarer Wechselbeziehung zueinander. Vor allem in der sorbischen Diaspora sowie in Kleinwelka selbst kursierte eine gro\u00dfe Anzahl handschriftlich verbreiteter Texte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/PA-II-1a-616x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4043\" width=\"462\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/PA-II-1a-616x1024.jpg 616w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/PA-II-1a-180x300.jpg 180w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/PA-II-1a-768x1277.jpg 768w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/PA-II-1a.jpg 1108w\" sizes=\"auto, (max-width: 462px) 100vw, 462px\" \/><figcaption>Vorderseite eines Liedblattes aus dem Archiv der Br\u00fcdergemeine Kleinwelka. Auf der R\u00fcckseite ist der deutsche Text beigef\u00fcgt. (Archiv Kleinwelka)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die sorbische Pfarrschaft<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ma\u00dfgeblicher Motor der Publikationsoffensive war die sorbische evangelische Pfarrschaft. Ein gro\u00dfer Teil dieser hatte in Leipzig oder Wittenberg studiert. An beiden Orten bestanden studentische Vereinigungen, in denen sich die angehenden Theologen in sorbischer Sprache \u00fcben konnten. Vor allem das 1716 in Leipzig gegr\u00fcndete Predigerkollegium entwickelte sich rasch zum kulturellen und intellektuellen Zentrum mit gro\u00dfer Strahlkraft f\u00fcr die sorbische Lausitz. Die Predigervereinigungen trugen ma\u00dfgeblich zur Vernetzung, Sozialisierung und Verb\u00fcrgerlichung des sorbischen Pfarrstandes bei, standen doch neben Sprachpflege auch Geselligkeit und Austausch im Zentrum der regelm\u00e4\u00dfigen Treffen. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich insbesondere an den Predigervereinigungen im Laufe des 18. Jahrhunderts eine wachsende nationale Profilbildung beobachten. Sorbische Sprache, Geschichte und Kultur wurden zunehmend thematisiert, beschrieben und kategorisiert. Diese Bewegung fand in der Diasporaarbeit der Herrnhuter ihr Gegenst\u00fcck, sprach man doch innerhalb der Br\u00fcdergemeine h\u00e4ufig von Volk Gottes und unterschiedlichen Nationen und begegnete dem Sorbischen mit einer theologisch begr\u00fcndeten Wertsch\u00e4tzung. Redewendungen und Begriffe wie <em>wendische Br\u00fcder<\/em>, <em>das Gemeinlein aus den Wenden<\/em> und <em>wendische Nation<\/em> hatten ihren festen Platz im Wortschatz der Br\u00fcdergemeine und trugen ihrerseits zur nationalen Profilierung bei.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf Herrnhut war die sorbische Pfarrschaft von Beginn an gespalten. Einige Geistliche waren in ihrer Jugend selbst erweckt worden und unterst\u00fctzten die von Herrnhut ausgehende Bewegung. Dazu z\u00e4hlten etwa Johann Pech, Johann Gottfried K\u00fchn, Johann Benade sowie eine Generation sp\u00e4ter Christian Friedrich Brahtz, Johann Noack und Johann Wenzel. Diese f\u00f6rderten die Soziet\u00e4ten in ihren D\u00f6rfern, hielten selbst Erbauungsstunden ab, unterst\u00fctzten die Arbeit in Kleinwelka und setzten sich f\u00fcr die Verbreitung br\u00fcderischer Andachtsliteratur in sorbischer Sprache ein. Einige der genannten Geistlichen waren auch Mitglied der Herrnhuter Predigerkonferenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben existierte eine gro\u00dfe Anzahl sorbischer Geistlicher, die aktiv gegen die Ausbreitung der Herrnhuter in ihren Gemeinden vorging. Die in Herrnhut gelebte emotionale Fr\u00f6mmigkeit, mehr noch aber die starke Einbeziehung von Laien, die Schaffung neuer liturgischer Formen und eine weitestgehend au\u00dferhalb der Kirchenmauern gelebte Fr\u00f6mmigkeit stie\u00dfen auf starken Widerstand der von der lutherischen Orthodoxie gepr\u00e4gten Geistlichkeit. F\u00fchrend in der antiherrnhutischen Fraktion unter den obersorbischen Geistlichen waren Adam Zacharias Schirach sowie sein Sohn Adam Gottlob. Beide trugen mit zahlreichen Publikationen zur Verbreitung des sorbischen Schrifttums bei. Ihr Wirken kann unter dem Stichwort einer christlich gepr\u00e4gten (Volks-)Aufkl\u00e4rung gefasst werden. Gerade in ihrem Einsatz f\u00fcr die Bildung breiter Bev\u00f6lkerungskreise ergaben sich auch gro\u00dfe Schnittmengen mit der Br\u00fcdergemeine, deren Diasporaarbeit h\u00e4ufig einer umfassenden Bildungsarbeit f\u00fcr Kinder wie Erwachsene gleichkam.<\/p>\n\n\n\n<p>Die pietistisch gepr\u00e4gte Universit\u00e4tsstadt Halle in Verbindung mit den dortigen Franckeschen Schulanstalten spielte als Ausbildungs- und Bezugsort der sorbischen Geistlichkeit vor allem f\u00fcr die Niederlausitz eine wichtige Rolle. Zahlreiche f\u00fchrende niedersorbische Geistliche wie Johann Gottlieb Fabricius, Johann Ludwig Wille, Georg Petermann, Johann Friedrich Fritze und Gotthilf Christlieb Fritze hatten dort studiert oder unterhielten Kontakte dorthin. Einige dieser hallisch gepr\u00e4gten Geistlichen unterst\u00fctzten die Herrnhuter Diasporaarbeit in der Niederlausitz, andere hingegen versuchten, die Ausbreitung br\u00fcderischer Soziet\u00e4ten in ihren Parochien zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erneuerungsbewegung bei den katholischen Sorben<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4hnlicher Erneuerungsprozess, wie ihn der Pietismus auf Seite der evangelischen Sorben ausgel\u00f6st hatte, und der sowohl innerkirchlich als auch gesamtgesellschaftlich Spuren hinterlie\u00df, l\u00e4sst sich auch auf katholischer Seite beobachten. Angesto\u00dfen wurde er durch die Konversion des s\u00e4chsischen Herrschaftshauses am Beginn des 18. Jahrhunderts. Dieser Konsolidierungs- und Erneuerungsprozess war wesentlich vom barocken Zeitgeist gepr\u00e4gt und getragen. Neben ersten Bem\u00fchungen um das sorbische katholische Schrifttum sind hier vor allem die Aufwertung von Fr\u00f6mmigkeitspraktiken und umfangreiche Bauma\u00dfnahmen zu nennen. Am Kloster St. Marienstern in Panschwitz und am Domstift in Bautzen erfolgten umfassende Renovierungen und Erweiterungen, zum Teil wurden neue Pfarreien gegr\u00fcndet bzw. Gottesh\u00e4user erbaut. Motor und Impulsgeber dieser Entwicklung war nicht zuletzt das 1728 in Prag gegr\u00fcndete Wendische Seminar, in dem der sorbisch-katholische Pfarrnachwuchs ausgebildet wurde und das sich im Laufe des 18. Jahrhunderts zur wichtigen kulturellen Vermittlungsinstanz entwickelte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_Bd_03_18-Gro\u00df-1024x803.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4049\" width=\"768\" height=\"602\" srcset=\"https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_Bd_03_18-Gro\u00df-1024x803.jpg 1024w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_Bd_03_18-Gro\u00df-300x235.jpg 300w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_Bd_03_18-Gro\u00df-768x602.jpg 768w, https:\/\/www1.sorabicon.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/TS_Bd_03_18-Gro\u00df.jpg 1377w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Um 1755 entstandene \u00dcbersichtskarte der sorbischen Diaspora unter Ber\u00fccksichtigung herrschaftlicher Zugeh\u00f6rigkeiten. (Unit\u00e4tsarchiv Herrnhut)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Alltag im 18. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die gro\u00dfen, h\u00e4ufig erst nachtr\u00e4glich sichtbaren Linien der sorbischen Kulturgeschichte tangierten die Bev\u00f6lkerung in den sorbischen D\u00f6rfern, Marktflecken und Landst\u00e4dten der Fr\u00fchen Neuzeit jedoch nur bedingt. Das Leben dort war gepr\u00e4gt vom Eingebundensein in famili\u00e4re, herrschaftliche, kirchliche, teilweise auch z\u00fcnftische Strukturen. H\u00e4ufig wurden diese Bindungen durch die Hinwendung zur Br\u00fcdergemeine gelockert bzw. aufgebrochen. Konflikte, die sich daraus ergaben, werden in den Lebensl\u00e4ufen nur teilweise thematisiert. So werden etwa in Bezug auf die Herrschaft Auseinandersetzungen um Fronarbeit und Leibeigenschaft nur selten angesprochen. Gelegentlich werden schwere Dienste auf dem Hof erw\u00e4hnt, h\u00e4ufiger geht es jedoch in den Lebensl\u00e4ufen um den Losbrief. Dieser beurkundete die Entlassung aus dem Herrschaftsverh\u00e4ltnis und er\u00f6ffnete damit die M\u00f6glichkeit, sich in einem Gemeinort niederzulassen. Einige der Mitglieder der Br\u00fcdergemeine erhielten den Losbrief unentgeltlich, andere dagegen mussten seinetwegen langwierige Auseinandersetzungen f\u00fchren.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Blickt man auf die Schul- und Ausbildungswege, so ergibt sich ein pluriformes und sehr uneinheitliches Bild. Einige Kinder besuchten keine Schule, andere wiederum wurden durch Eltern oder Angestellte zu Hause unterrichtet, besuchten f\u00fcr einige Wochen eine Winkelschule oder verlie\u00dfen das Elternhaus schon fr\u00fchzeitig, um am Unterricht in einer weiterf\u00fchrenden Schule teilzunehmen. Nicht selten traten jedoch schon unter zehnj\u00e4hrige Kinder bei verm\u00f6genderen Bauern oder Handwerkern in Dienst, um somit selbst f\u00fcr ihr Auskommen zu sorgen. H\u00e4ufig h\u00fcteten sie das Vieh oder hatten auf j\u00fcngere Kinder aufzupassen. Teilweise wurden die Dienstjahre aber auch gezielt dazu genutzt, sich Grundkenntnisse des Deutschen anzueignen, da in den Familien selbst meist ausschlie\u00dflich Sorbisch gesprochen wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anbruch der Moderne&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine einschneidende Z\u00e4sur f\u00fcr alle Bewohner der Lausitz stellte der Siebenj\u00e4hrige Krieg dar. Mit seinen Verwerfungen und Neuerungen markiert er den Anbruch der Moderne in den Lausitzen. Vor allem die Schlacht bei Hochkirch am 14. Oktober 1758, bei der das Dorf fast vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt und zahlreiche weitere Ortschaften verw\u00fcstet wurden, pr\u00e4gte sich tief ins kollektive Ged\u00e4chtnis der Lausitz ein. Die Zerst\u00f6rungen l\u00f6sten eine gro\u00dfe Welle der Solidarit\u00e4t unter den Diasporageschwistern aus, bis aus der Niederlausitz trafen Naturalien und Hilfsg\u00fcter f\u00fcr betroffene Geschwister in Kleinwelka ein. Hohe Kriegsabgaben, Einquartierungen und Pl\u00fcnderungen dr\u00fcckten die Bev\u00f6lkerung, zudem wurden viele M\u00e4nner zum Soldatendienst eingezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem in der Niederlausitz stellten Rekrutierungen w\u00e4hrend des gesamten 18. Jahrhunderts eine reale, von vielen Bewohnern bef\u00fcrchtete Perspektive dar. Neben allen damit einhergehenden N\u00f6ten konnte der Soldatendienst jedoch auch eine gro\u00dfe Bildungs- und Entwicklungschance darstellen. F\u00fcr viele ehemalige Soldaten z\u00e4hlten die Jahre in der Fremde zu den pr\u00e4genden Erlebnissen, bei denen sie neue Kenntnisse, Techniken und Fertigkeiten erlernt hatten, vor allem aber markiert der Soldatendienst nicht selten den \u00dcbergang zur sorbisch-deutschen Zweisprachigkeit. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Diasporaarbeit der Br\u00fcdergemeine. Auch in ihrem Umfeld erwarben und festigten zahlreiche Erweckte, meist vor allem M\u00e4dchen und Frauen, erste Deutschkenntnisse; der Umzug in einen Gemeinort bedeutete vielfach den Wechsel von der sorbischen Ein- hin zur sorbisch-deutschen Zweisprachigkeit. Genau dieser Wechsel kennzeichnet f\u00fcr die sorbische Lausitz den \u00dcbergang zur Moderne und steht somit am Beginn einer neuen Epoche.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Druck und Handschrift Eine breit angelegte Druckoffensive markiert aus sorbischer Perspektive den Beginn des 18. Jahrhunderts. 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