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				<title>Beschreibung des Niederlausitzer Sorbentums – Das Sorbentum im Spremberger Kreis – Die
					Spremberger sorbische Gemeinde</title>
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				<edition>
					<title>Arnošt Muka – Statistik der Lausitzer Sorben 1886</title>
				</edition>
				<respStmt>
					<persName>Robert Lorenz</persName>
					<resp>Übersetzer und Herausgeber</resp>
				</respStmt>
			</editionStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Sorbisches Institut, Bautzen</authority>
			</publicationStmt>
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				<bibl>Statistika łužiskich Serbow / Ernst Muka. Budyšin 1884–86</bibl>
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			<div>
				<pb n=""/>
				<head>H. Das <rs type="term" key="ed_xhw_5rh_v2b">Sorbentum</rs> im <placeName key="ed_dtj_351_v2b">Spremberger</placeName> Kreis.</head>
				<p>Im gesamten Spremberger Kreis steht es sehr betrüblich um das <rs type="term" key="ed_xhw_5rh_v2b">Sorbentum</rs>: dort arbeitet man seit mehreren
					Jahrzehnten mit allen Kräften und Mitteln an der <rs type="term" key="ed_vxb_rvz_52b">Verdeutschung</rs> der Sorben. Weit und breit erstickt
					die deutsche Übermacht und die Macht ihrer Kämpfer beinahe den letzten Funken
						<rs type="term" key="ed_c2s_mvz_52b">nationalen</rs> Beharrens, und einem
					treuen sorbischen Geistlichen, der diesem Wüten nicht in Frieden zusehen
					konnte,</p>
				<pb n=""/>
				<p>wurde gesagt: „Man muss seine Privatliebhaberei dem Amt und realen Bedürfnissen
					unterordnen!“ [Zitat im Original deutsch; R.L.] </p>
			</div>
			<div>
				<head>XXXIII. Die <placeName key="ed_dtj_351_v2b">Spremberger</placeName> sorbische
					Gemeinde.</head>
				<p>
                    <placeName key="ed_dtj_351_v2b">Grodk</placeName> (obersorbisch Hródk, Spremberg) ist eine
					große, stetig wachsende <rs type="term" key="ed_evy_m1m_z2b">Industriestadt</rs>, die einen spürbaren Einfluss auf die gesamte Umgebung
					nimmt. Denn einige <rs type="term" key="ed_enr_1mh_v2b">Fabrikgründungen</rs>
					erstrecken sich bis zu den benachbarten, am Ufer der Spree liegenden Dörfern,
					und viele <rs type="term" key="ed_rfk_rz1_v2b">Arbeiter</rs> wohnen nicht nur in
					der <rs type="term" key="ed_v4v_5lh_v2b">Stadt</rs> und den Vorstädten, sondern
					auch außerhalb in den umliegenden Dörfern, wodurch diese ein seltsames Gepräge
					erhalten, welches einen ziemlichen Kontrast zum Alltagscharakter wirklich
					sorbischer Dörfer bildet. Auch haben sich viele <rs type="term" key="ed_uv1_51b_v2b">arme</rs> Sorben aus diesen Dörfern durch die höheren
					Löhne dazu verlocken lassen, die landwirtschaftliche Arbeit auf den <rs type="term" key="ed_yyb_s4h_v2b">Rittergütern</rs> aufzugeben und mit in die
						<rs type="term" key="ed_enr_1mh_v2b">Fabriken</rs> zu gehen, und sie haben
					sich durch den täglichen Umgang mit <rs type="term" key="ed_ovm_nwh_v2b">fremden</rs>
					<rs type="term" key="ed_rfk_rz1_v2b">Fabrikarbeitern</rs> mit der Zeit auch
					deren <rs type="term" key="ed_uh3_nxh_v2b">Sitten</rs>, <rs type="term" key="ed_lz1_r3g_x2b">Gebräuche</rs> und Ideen angewöhnt. Wie oft hatte ich
					die Gelegenheit an ihnen den wirklich lächerlichen, aber auch traurigen Kontrast
					dieser angelernten <rs type="term" key="ed_rfk_rz1_v2b">Arbeiterweisheit</rs>
					mit der altererbten Vätersitte zu beobachten, welcher sich ganz zu verweigern
					und sie von sich zu streifen ihnen doch nicht gelang. Solch ein sorbischer
					Mensch in seinem fremden Rock, der ihm an allen Enden zu kurz ist, erscheint mir
					als das bedauernswerteste Geschöpf der Welt. Dies ist sicher der einzige Winkel
					sorbischer Erde, wo die Sorben etwas von den <rs type="term" key="ed_jht_w1m_z2b">sozialistischen</rs> Utopien erfahren haben. Und in die
						<rs type="term" key="ed_enr_1mh_v2b">Fabriken</rs> gehen nicht nur die <rs type="term" key="ed_uv1_51b_v2b">armen</rs> Sorben aus <placeName key="ed_dtj_351_v2b">Spremberg</placeName>, sondern auch aus den
					benachbarten Gemeinden <placeName key="ed_zzq_2bm_z2b">Gross-Luja</placeName>,
						<placeName key="ed_sk3_1l4_v2b">Stradow</placeName> und <placeName key="ed_nvs_gbm_z2b">Jessen</placeName>.</p>
				<p>In <placeName key="ed_dtj_351_v2b">Spremberg</placeName> selbst wohnen wohl nur sehr wenige
					Sorben <note place="mBottom" hand="#author">Nach einem Bericht sind es unter
						10.000 Einwohnern 15 Familien mit ca. 75 Seelen, was aber wohl eine zu
						niedrige Zählung ist.</note>, und die dort wohnen, fühlen sich freilich
					nicht als solche. Dafür ist die Spremberger Dorfgemeinde noch beinahe gänzlich
					sorbisch, obwohl in ihr seit dem Tode des <rs type="term" key="ed_mcz_hkh_v2b">Diakons</rs> Müller († 1874) nicht mehr auf Sorbisch <rs type="term" key="ed_kbv_vyh_v2b">gepredigt</rs> wird; nur am ersten Tag der hohen
					Feiertage wird dort noch nachmittags bei der Vesper Sorbisch gelesen. – Zur
					Spremberger sorbischen Gemeinde gehören die Dörfer: <placeName key="ed_vl5_1cm_z2b">Słomjeń</placeName> (nicht Słomen [Smoler], deutsch
					Slamen) mit 1414, <placeName key="ed_ahb_gcm_z2b">Dubrawa</placeName>
					(Trattendorf) mit 369, <placeName key="ed_krb_jcm_z2b">Železna</placeName>
					(Sellessen) mit ca. 400 Einwohnern, <placeName key="ed_e12_mcm_z2b">Kochanojce</placeName> (Kochsdorf), <placeName key="ed_mfd_rcm_z2b">Chojany</placeName> (Kantdorf), <placeName key="ed_pk2_vcm_z2b">Wjaska</placeName> (Wesko) </p> 
				<pb n=""/>
				<p>und <placeName key="ed_qcq_zcm_z2b">Mukrow</placeName> – alle vier kleinen Dörfchen mit um
					die 200 Einwohnern – und die neuere <rs type="term" key="ed_enr_1mh_v2b">Fabrikkolonie</rs>
					<placeName key="ed_jc4_ldm_z2b">Heinrichsfeld</placeName>. Das letztgenannte
					Dorf ist beinahe vollkommen deutsch; man sagte mir zwar, dass dort auch einige
					Sorben dazwischen wohnen, aber es werden ihrer nicht viele sein. Genauso ist
						<placeName key="ed_vl5_1cm_z2b">Slamen</placeName> zu mehr als der Hälfte
					deutsch bzw. durch die vielen deutschen <rs type="term" key="ed_rfk_rz1_v2b">Arbeiter</rs>
					<rs type="term" key="ed_vxb_rvz_52b">verdeutscht</rs>, die sich dort angesiedelt
					haben und das vordem kleine Heidedorf so vergrößerten. Nach einer sehr
					glaubwürdigen Nachricht hat <placeName key="ed_vl5_1cm_z2b">Slamen</placeName>
					an die 700 deutsche und eingedeutschte Einwohner, die alt wie jung nur Deutsch
					können; zudem beherrschen und sprechen mehr als zwei Drittel Deutsch; in der <rs type="term" key="ed_jff_vv1_v2b">Schule</rs> ist der <rs type="term" key="ed_prd_5dj_w2b">Unterricht</rs> nur deutsch. In <placeName key="ed_ahb_gcm_z2b">Trattendorf</placeName> sind, wie der gleiche Zeuge
					versichert, 20 <rs type="term" key="ed_hzf_rv1_v2b">Deutsche</rs>, die wie auch
					ihre <rs type="term" key="ed_f32_zy1_v2b">Kinder</rs> nur Deutsch verstehen. Die
					sorbischen Familien verstehen zwar etwas Deutsch, „schwatzen“ mit den Ihrigen
					aber nur sorbisch. In <placeName key="ed_e12_mcm_z2b">Kochsdorf</placeName> und
						<placeName key="ed_mfd_rcm_z2b">Kantdorf</placeName> sind die alten Bauern-
					und Häuslerfamilien sorbisch, es sind dort aber auch einige deutsche <rs type="term" key="ed_rfk_rz1_v2b">Arbeiter</rs> zugezogen. In <placeName key="ed_qcq_zcm_z2b">Mukrow</placeName> sind 5 <rs type="term" key="ed_hzf_rv1_v2b">Deutsche</rs>; <placeName key="ed_pk2_vcm_z2b">Wesko</placeName> und <placeName key="ed_krb_jcm_z2b">Sellessen</placeName>
					sind <rs type="term" key="ed_obb_yrh_v2b">rein sorbisch</rs>. Der <rs type="term" key="ed_lwf_bx1_v2b">Lehrer</rs> Lehmann in <placeName key="ed_krb_jcm_z2b">Sellessen</placeName> ist zwar ein gebürtiger Sorbe,
						<rs type="term" key="ed_prd_5dj_w2b">unterrichtet</rs> aber deutsch, nur mit
					„diesen Kleinsten, die überhaupt kein Deutsch verstehen, redet er auch etwas
					sorbisch.“ – <placeName key="ed_qcq_zcm_z2b">Mukrow</placeName> ist nach
						<placeName key="ed_krb_jcm_z2b">Sellessen</placeName> eingeschult. </p>
				<p>Die Sorben um <placeName key="ed_dtj_351_v2b">Spremberg</placeName> herum gehen alle in
					sorbischer <rs type="term" key="ed_b5m_fbb_v2b">Tracht</rs>: die Frauen haben
					ihren besonderen Spremberger-Muskauer Putz. Erwähnen will ich hier nur, dass die
					jungen Mädchen und Frauen in <placeName key="ed_krb_jcm_z2b">Sellessen</placeName> sich dadurch auszeichnen, dass sie beinahe alle ein
					rotes Tuch, zum größten Teil mit dem gleichen Muster, über dem Mieder
					tragen.</p>
				<pb n=""/>
				
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