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				<title>Obersorbisch</title>
				<title xml:lang="deu">Obersorbisch</title>
				<title xml:lang="hsb">Hornjoserbšćina</title>
				<title xml:lang="dsb">Górnoserbšćina</title>
				<title xml:lang="eng">Upper Sorbian</title>
				<author>
					<persName key="ed_c13_5mp_f3b">Pohončowa, Anja (1970-)</persName>
				</author>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
			</publicationStmt>
			<sourceDesc>
				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
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				<keywords>
					<term key="Oberlausitz">Oberlausitz</term>
					<term key="westslawische Sprache">westslawische Sprache</term>
					<term key="Sprache">Sprache</term>
				</keywords>
			</textClass>
			<abstract xml:lang="deu">
				<p>Obersorbisch ist eine in der Oberlausitz von bis zu 25 000 Menschen gesprochene westslawische
					Sprache mit der Eigenbezeichnung hornjoserbšćina, hornjoserbska rěč
					(,obersorbische Sprache‘), im Deutschen bis 1945 überwiegend Wendisch
					genannt.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>Hornjoserbšćina abo hornjoserbska rěč je zapadosłowjanska rěč, kotruž w Hornjej
					Łužicy hač do 25 000 ludźi rěči; w němčinje bu hač do 1945 přewažnje Wendisch
					pomjenowana.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>Górnoserbšćina (teke górnoserbska rěc) jo pódwjacornosłowjańska rěc, kótaruž
					powěda w Górnej Łužycy až do 25 000 luźi; pśed 1945 nimski za wětšy źěł Wendisch
					pomjenjona.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>Upper Sorbian is a West Slavic language with the proper name hornjoserbšćina,
					hornjoserbska rěč (Upper Sorbian language), called in German predominantly
					Wendisch until 1945, and spoken by up to 25,000 people.</p>
			</abstract>
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				<p>Obersorbisch ist eine in der <placeName key="ed_e5l_q24_c3b">Oberlausitz</placeName> von bis
					zu 25 000 Menschen gesprochene westslawische Sprache mit der Eigenbezeichnung
						<ex>hornjoserbšćina</ex>, <ex>hornjoserbska rěč</ex> (,obersorbische
					Sprache‘), im Deutschen bis 1945 überwiegend <rs type="term" key="Wendisch"
						ref="-">Wendisch</rs> genannt. Das Obersorbische untergliedert sich in
					verschiedene <rs type="term" key="Dialekt" ref="-">Dialekte</rs> und bildet
					gemeinsam mit dem <rs type="term" key="Niedersorbisch"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4120286-7">Niedersorbischen</rs> das <rs
						type="term" key="Sorbisch" ref="http://d-nb.info/gnd/4116533-0"
						>Sorbische</rs>. Die obersorbische Schriftsprache der Gegenwart entwickelte
					sich aus der Vereinheitlichung zweier Traditionslinien, vertreten jeweils im
					katholischen und evangelischen Schrifttum und basierend auf dem <placeName
						key="ed_epd_wrh_vhb">Crostwitzer</placeName> Dialekt im Westen bzw. dem
					Bautzener Dialekt im Osten. Letzterer wurde bei der Schaffung der einheitlichen
					Schriftsprache hauptsächlich zugrunde gelegt. Von ihrer Basis unterscheidet sich
					die obersorbische Schriftsprache infolge von Standardisierung,
					Intellektualisierung und Kondensation. Seit 1945 ist ein zunehmender Einfluss
					des katholischen Dialekts auf die obersorbische Schriftsprache zu
					beobachten.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Obersorbisch_01.jpg"/>Ausschnitt aus dem Gesangbuch von Gregorius B., 1593; Sorbisches
					Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Das gegenwärtige obersorbische Sprachgebiet umfasst jeweils einen Teil der Gemeinden der
					beiden Oberlausitzer Landkreise <placeName key="ed_xwx_lgh_vhb"
						>Bautzen</placeName> und <placeName key="ed_lhp_gwh_vhb"
					>Görlitz</placeName>, wobei das Obersorbische in einem Dreieck zwischen Bautzen,
						<placeName key="ed_ic5_gc3_vhb">Kamenz</placeName> und <placeName
						key="ed_wkb_qb3_vhb">Hoyerswerda</placeName> (→ <rs type="term"
						key="katholische Region" ref="-">katholische Region</rs>) am besten erhalten
					ist. Die obersorbische Schriftsprache besitzt sieben Vokalphoneme, das
					Konsonantensystem 28 Phoneme. Der Hauptakzent liegt in Erbwörtern auf der ersten
					Wortsilbe. Das Obersorbische verfügt über sieben Kasus (Nominativ, Genitiv,
					Dativ, Akkusativ, Instrumental, Lokativ, Vokativ), drei Genera (Maskulinum,
					Neutrum, Femininum) und drei Numeri (Singular, Plural, Dual). Innerhalb der
					Maskulina gibt es die Kategorien der Belebtheit und der Beseeltheit (betrifft
					männliche Personen). Im Gegensatz zum Niedersorbischen hat das Obersorbische ein
					ausgebautes System von Vergangenheitsformen: Perfekt, Präteritum (Aorist,
					Imperfekt), Plusquampräteritum und Iterativpräteritum.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Obersorbisch_02.jpg"/>Obersorbische Übersetzung des Kleinen Katechismus von Wjacław
					Warichius, 2. Auflage 1597; Repro: Sorbische Zentralbibliothek am Sorbischen
					Institut Bautzen</p>
				<p>Die <rs type="term" key="Reformation" ref="http://d-nb.info/gnd/4048946-2">Reformation</rs>
					begünstigte das Entstehen einer obersorbischen Schriftsprache, vorerst noch ohne
					einheitliche Normen. Das erste gedruckte obersorbische Buch (→ <rs type="term"
						key="Buchdruck" ref="-">Buchdruck</rs>) stammt aus dem Jahr 1595 (<persName
						key="ed_x32_d3p_c3b">Wjacław Warichius</persName>: „Der kleine
					Catechismus“). Die Oberlausitzer Stände waren zunächst nicht an der Verbreitung
					sorbischer Drucke unter den evangelischen Sorben interessiert. So wurden
					sämtliche Exemplare der im Druck befindlichen obersorbischen Übersetzungen des
					Matthäus- und Markusevangeliums konfisziert (<persName key="ed_ndb_vrz_whb"
						>Michał Frencl</persName>, 1670). Erst auf Drängen einiger sorbischer
					Geistlicher, die über die Verwendung unterschiedlicher und z. T. schlechter
					obersorbischer Übersetzungen religiöser Texte klagten (z. B. Katechismus,
					Episteln), sowie angesichts der zunehmenden Gefahr einer Rekatholisierung
					reagierte schließlich die Oberlausitzer Ständeversammlung und berief 1691 eine
					Kommission unter Leitung von <persName key="ed_fhf_fr4_c3b">Pawoł
						Prätorius</persName>, die die wichtigsten religiösen Texte ins Obersorbische
					übersetzen sollte. Der sog. Prätorius’schen Kommission gehörten Geistliche aus
					allen Regionen des obersorbisch-evangelischen Sprachgebiets an, wodurch die
					Grundlagen einer überregional geltenden Schriftsprache gelegt wurden. Einen
					vorläufigen Höhepunkt erreichte die Publikationstätigkeit der evangelischen
					Obersorben mit der Herausgabe der <rs type="term" key="Bibelübersetzung" ref="-"
						>Bibelübersetzung</rs> von 1728, nachdem bereits 1706 eine obersorbische
					Übersetzung des Neuen Testaments von Michał Frencel erschienen war.</p>
				<p>Seit Ende des 17. Jh. entstanden außerdem obersorbische Texte für die katholischen Sorben, so
					eine Übersetzung des Katechismus von <persName key="ed_hrn_spk_d3b">Jakub Xaver
						Ticin</persName> (1685). Einen wichtigen Beitrag zur Kodifikation der
					obersorbischen Schriftsprache leistete auch der Bautzener Domherr <persName
						key="ed_kpw_ks4_c3b">Jurij Hawštyn Swětlik</persName>, der zahlreiche
					religiöse Texte übersetzte und sich dabei – wie schon Ticin – am <placeName
						key="ed_ep1_g2j_vhb">Wittichenauer</placeName> Dialekt orientierte, u. a.
					die Evangelien und Episteln (im Druck erschienen 1696), eine Sammlung
					katholischer Kirchenlieder (o. J.) sowie ein lateinisch-sorbisches Wörterbuch
					(1721; → <rs type="term" key="Wörterbuch" ref="http://d-nb.info/gnd/4066724-8"
						>Wörterbücher</rs>). Unveröffentlicht blieb seine handschriftliche
					Übersetzung der Bibel (1678–1711).</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Obersorbisch_03.jpg"/>Obersorbische Evangelien und Episteln von Jurij Hawštyn Swětlik,
					katholisch, 1690; Repro: Sorbische Zentralbibliothek am Sorbischen Institut
					Bautzen</p>
				<p>So hatten sich spätestens zu Beginn des 18. Jh. zwei obersorbische
					Schriftsprachenvarianten herausgebildet, die in <rs type="term" key="Grammatik"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4021806-5">Grammatiken</rs> kodifiziert wurden:
					die evangelische auf der Grundlage der südlichen und östlichen Mundarten des
					Bautzener Dialekts und die katholische auf der Grundlage des Wittichenauer, seit
					Mitte des 18. Jh. des Crostwitzer Dialekts. Abgesehen von einigen phonetischen,
					morphologischen und lexikalischen Unterschieden sowie theologischen Vorbehalten
					bestand das größte Hindernis für die wechselseitige Nutzung der Literatur in
					Unterschieden bei Schreibung und <rs type="term" key="Rechtschreibung"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4048780-5">Orthografie</rs>.</p>
				<p>Im Zuge der <rs type="term" key="nationale Wiedergeburt" ref="http://d-nb.info/gnd/4361398-6"
						>nationalen Wiedergeburt</rs> fand die obersorbische Schriftsprache in
					Sprachdomänen außerhalb des religiösen Bereichs Verbreitung, u. a. durch die
					Entwicklung des Vereinswesens, die Gründung regulärer <rs type="term"
						key="Zeitung" ref="http://d-nb.info/gnd/4067510-5">Zeitungen</rs> und <rs
						type="term" key="Zeitschrift" ref="http://d-nb.info/gnd/4067488-5"
						>Zeitschriften</rs> oder das Wirken der <rs type="term"
						key="Maćica Serbska/Maśica Serbska" ref="-">Maćica Serbska</rs>. Deshalb
					wurde die Schaffung einer einheitlichen obersorbischen Schriftsprache notwendig,
					die den Weg zu den slawischen Nachbarvölkern ebnen sollte und nicht an eine
					bestimmte Konfession gebunden war. Dies fand seinen Niederschlag in neuen
					Grammatiken und Wörterbüchern und wurde v. a. von Maćica-Mitgliedern
					vorangetrieben (<persName key="ed_vkv_nwx_vhb">Handrij Zejler</persName>,
						<persName key="ed_ns2_5wx_vhb">Jan Pětr Jordan</persName>, <persName
						key="ed_mhc_jnv_vhb">Jan Arnošt Smoler</persName>, <persName
						key="ed_wbl_5bl_d3b">Křesćan Bohuwěr Pful</persName>, <persName
						key="ed_jd2_mx4_c3b">Michał Hórnik</persName>). Sie beschlossen 1848 die
					Einführung der sog. analogen Rechtschreibung, die in ihren Schriften und in der
					Zeitschrift „Časopis Maćicy Serbskeje“ konsequent angewandt wurde.</p>
				<p>Die sprachreformatorischen Aktivitäten waren geprägt vom Gedanken der <rs
						type="term" key="Slawische Wechselseitigkeit" ref="-">slawischen
						Wechselseitigkeit</rs>, was schließlich zu einer intensiven Einwirkung der
					benachbarten Sprachen, bes. des Tschechischen, auf die obersorbische
					Schriftsprache und zu einem gegen den deutschen Einfluss gerichteten <rs
						type="term" key="Sprachpurismus" ref="http://d-nb.info/gnd/4132677-5"
						>Sprachpurismus</rs> führte. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. bestimmte
					Michał Hórnik maßgeblich die Entwicklung der obersorbischen Schriftsprache. Als
					Kanonikus des Domkapitels in Bautzen verfügte er über die Autorität und
					Befugnis, eine Vereinheitlichung der obersorbischen schriftsprachlichen Norm
					(jedenfalls im katholischen religiösen Schrifttum) durchzusetzen. Gegen einen
					allzu kategorischen Purismus auf dem Gebiet des Wortschatzes wandten sich ab
					1870 insbesondere Vertreter der <rs type="term" key="Jungsorbische Bewegung"
						ref="-">Jungsorbischen Bewegung</rs>. Die sprachliche Form der Werke des
					obersorbischen Klassikers <persName key="ed_ek4_jbp_c3b">Jakub
						Bart-Ćišinski</persName> bildete die Grundlage für die Schaffung der
					modernen obersorbischen Schriftsprache und wurde durch die Autoren der
					nachfolgenden Generation (<persName key="ed_egg_wq4_vhb">Mikławš
						Andricki</persName>, <persName key="ed_ex1_1fs_d3b">Jakub
						Lorenc-Zalěski</persName> u. a.) popularisiert. Somit entwickelte sich seit
					den 1870er Jahren die obersorbische Schriftsprache zu einer polyvalenten,
					überregionalen, auch in offiziellen Situationen schriftlich und mündlich
					gebrauchten Form der sprachlichen Kommunikation.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Obersorbisch_04.jpg"/>Michał Hórnik; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die sprachpflegerischen Initiativen wurden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh.
					weitergeführt (u. a. von <persName key="ed_dhj_1y4_c3b">Filip Rězak</persName>
					mit einem enzyklopädischen Wörterbuch, <persName key="ed_tls_35j_d3b">Michał
						Nawka</persName> mit praktischen Sprachführern), bis sie nach dem Verbot des
					Sorbischen und aller sorbischen kulturellen Aktivitäten 1937 (→ <rs type="term"
						key="NS-Zeit" ref="-">NS-Zeit</rs>) eingestellt werden mussten.</p>
				<p>Die Erneuerung des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, der Aufbau eines
					sorbischen Schulwesens (→ <rs type="term" key="Schule"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4053474-1">Schule</rs>), die Gründung sorbischer
					Zeitungen und Zeitschriften sowie kultureller und wissenschaftlicher
					Einrichtungen stellten nach 1945 neue Anforderungen an das
					Kommunikationspotenzial der obersorbischen. Schriftsprache. Dies führte
					schließlich zur Schaffung eines einheitlichen orthografischen Systems sowie zur
					Entwicklung einer stabilen grammatischen und lexikalischen Norm des
					Obersorbischen. Zu einem weiteren Domänenausbau (→ <rs type="term"
						key="Fernsehen" ref="-">Fernsehen</rs>, neue Medien wie das Internet), der
					zu einer Erweiterung des schriftsprachlichen <rs type="term" key="Wortschatz"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4126555-5">Wortschatzes</rs> beitrug, kam es nach
					der <rs type="term" key="politische Wende" ref="-">politischen Wende
						1989/90</rs>.</p>
				<p>Für die obersorbische Schriftsprache der Gegenwart sind folgende
					Entwicklungstendenzen charakteristisch: eine zunehmende Intellektualisierung im
					Bereich der Syntax (z. B. durch den Ausbau parataktischer und hypotaktischer
					Konstruktionen) und des Wortschatzes (z. B. Gebrauch von Abstrakta, Aufnahme
					zahlreicher Internationalismen); eine verstärkte Demokratisierung (etwa durch
					das Eindringen umgangssprachlicher Elemente im syntaktischen und lexikalischen
					Bereich); wachsender Einfluss des Deutschen im Satzbau, Wortschatz und
					Phraseologie (→ <rs type="term" key="Interferenz" ref="-">Interferenz</rs>).</p>
				<p>Lit.: H. Faska: Der Weg des Sorbischen zur Schriftsprache, in: Language Reform.
					History and Future, Vol. VI, Hg. I. Fodor/C. Hagège, Hamburg 1994; Serbšćina.
					Najnowsze dzieje języków słowiańskich, Red. H. Faska, Opole 1998; T.
					Lewaszkiewicz: Obersorbisch, in: Lexikon der Sprachen des Europäischen Ostens,
					Hg. M. Okuka, Klagenfurt 2002.</p>
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