<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:telota="http://www.telota.de" xml:id="prov_vpr_mbv_vhb">
	<teiHeader>
		<fileDesc>
			<titleStmt>
				<title>Volkskunde</title>
				<title xml:lang="deu">Volkskunde</title>
				<title xml:lang="hsb">Ludowěda</title>
				<title xml:lang="dsb">Ludowěda</title>
				<title xml:lang="eng">Folklore</title>
				<author>
					<persName key="ed_smj_rk5_sjb">Keller, Ines (1964-)</persName>
				</author>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
			</publicationStmt>
			<sourceDesc>
				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter
					Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen:
					Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
			</sourceDesc>
		</fileDesc>
		<profileDesc>
			<textClass>
				<keywords>
					<term key="Westslawen">Westslawen</term>
					<term key="Kulturwissenschaft">Kulturwissenschaft</term>
					<term key="Minderheitenforschung">Minderheitenforschung</term>
					<term key="Ethnologie">Ethnologie</term>
					<term key="Ethnografie">Ethnografie</term>
				</keywords>
			</textClass>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>Wědomnosć wó wuslěźenju a wopisanju wšedneje a swěźeńskeje kultury a žywjeńskeje
					wašni a z njeju zwězane transformaciske procese w zajźonosći a pśibytnosći. Pó
					českem pśikłaźe stej se w 19. stolěśu wužywałej zapśimjeśi narodopis abo
					etnografija za serbsku ludowědu, akle w 20. stolěśu jo se słowo ludowěda
					pśesajźiło.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>Wědomosć k přepytowanju a wopisowanju wšědneje a swjedźenskeje kultury kaž tež
					žiwjenskeho wašnja a z tym zwjazanych transformaciskich procesow w zańdźenosći a
					přitomnosći. Po čěskim přikładźe wužiwaštej so w 19. lětstotku za serbsku
					ludowědu zapřijeći narodopis abo etnografija, hakle w 20. lětstotku přesadźi so
					ludowěda jako pomjenowanje předmjeta.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="deu">
				<p>Wissenschaft zur Erforschung und Be-schreibung sowohl der Alltags- und Festkultur
					als auch der Lebensweise und der damit verbundenen Transforma-tionsprozesse in
					Vergangenheit und Gegenwart. In Anlehnung an tschechi-sche Vorbilder wurden im
					19. Jh. für die sorbische Volkskunde die Begriffe naro-dopis oder etnografija
					verwendet, erst im 20. Jh. setzte sich ludowěda als Be-zeichnung für das Fach
					durch.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>Science for research and description of everyday- and festive culture, as well as lifestyle
					and related transformation processes in the past and present. In line with Czech
					role models, in the 19th century, the terms narodopis or etnografija were used
					for the Sorbian ethnography (or folklore); only in the 20th century gained the
					term “ludowěda” prominence as a designation for the subject.</p>
			</abstract>
		</profileDesc>
	</teiHeader>
	<text>
		<body>
			<div>
				<p>Wissenschaft zur Erforschung und Beschreibung sowohl der Alltags- und Festkultur
					als auch der Lebensweise und der damit verbundenen Transformationsprozesse in
					Vergangenheit und Gegenwart. In Anlehnung an tschechische Vorbilder wurden im
					19. Jh. für die sorbische Volkskunde die Begriffe narodopis oder etnografija
					verwendet, erst im 20. Jh. setzte sich ludowěda als Bezeichnung für das Fach
					durch. In der Geschichte der sorbische Volkskunde lassen sich mehrere Perioden
					unterscheiden: a) die – eher sporadische – Sammlung geistiger Volkskultur, b)
					die systematische Erforschung der geistigen und materiellen Volkskultur und
					Lebensweise, c) die Einbindung der Volkskunde in die allgemeine Kulturforschung.
					Das Interesse an volkskundlicher Tätigkeit nahm Mitte des 19. Jh. mit der
					Bildung der Nationalstaaten zu. Wie andere europäische Völker versuchten sich
					die <rs type="term" key="Sorben" ref="http://d-nb.info/gnd/4055619-0">Sorben</rs> ethnisch zu definieren, wobei sie sich auf Sprache und Kultur
					konzentrierten. Zentrum dieser Bemühungen war die 1847 gegründete
					wissenschaftliche Gesellschaft <rs type="term" key="Maćica Serbska/Maśica Serbska" ref="-">Maćica Serbska</rs>, wo
					volkskundliche Fragen in der Sektion Altertümer (ab 1856) behandelt wurden. </p>
				<p>Der evangelische Geistliche und Historiograf <persName key="ed_clc_f5x_vhb">Abraham
						Frencel</persName> berichtete erstmals ausführlich über die Lebensweise
					seiner Landsleute: Die um 1720 entstandene „Historia populi et rituum Lusatiae
					Superioris“ enthält Beobachtungen zu Kleidung, Sitten und <rs type="term"
						key="Brauchtum" ref="http://d-nb.info/gnd/4008017-1">Bräuchen</rs>, zum
					Arbeitsverhalten und Rechtswesen der Sorben in der Oberlausitz. Vertreter der
					Aufklärung bemühten sich um ein vorurteilsfreies Sorbenbild. Der Lehrer
						<persName key="ed_vlc_gyx_vhb">Jan Hórčanski</persName> beschrieb die
					Lebensart der östlich von <placeName key="ed_xwx_lgh_vhb">Bautzen</placeName>
					lebenden Sorben („Von den Sitten und Gebräuchen der heutigen Wenden“, 1782),
						<persName key="ed_smx_xvy_whb">Michael Conrad</persName> ergänzte die Studie
					mit einem Beitrag über die Lebensweise der evangelischen Sorben um <placeName
						key="ed_ic5_gc3_vhb">Kamenz</placeName> (1783). Der Jurist <persName
						key="ed_pby_yq4_vhb">Karl Gottlob von Anton</persName> erkundete frühe
					Geschichte, Kulturen und Sprachen der slawischen Völker, besonders der Sorben.
					Im Zeichen der Romantik wurden im 19. Jh. v. a. <rs type="term" key="Volkslied"
						ref="-">Volkslieder</rs>, <rs type="term" key="Märchen" ref="-"
					>Märchen</rs>, <rs type="term" key="Sage" ref="-">Sagen</rs>, <rs type="term"
						key="Sprichwort" ref="-">Sprichwörter</rs> und Rätsel aufgezeichnet.
						<persName key="ed_mhc_jnv_vhb">Jan Arnošt Smoler</persName> gab zusammen mit
						<persName key="ed_lpj_4yx_vhb">Leopold Haupt</persName> die Sammlung
					„Volkslieder der Wenden in der Ober- und Nieder-Lausitz“ (1841/43) heraus; mit
					ihrem volkskundlichen Anhang und der statistisch-geografischen Beschreibung
					beider Lausitzen bot sie erstmals Einblick in die Lebensweise der sorbischen
					Bevölkerung, die damals ländlich-bäuerlich und patriarchalisch geprägt war.</p>
				<p>
					<graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Volkskunde_01.jpg"/>Volkskundliche Abhandlung über sorbische Bräuche von Jan
					Hórčanski, 1782; Repro: Sorbische Zentralbibliothek am Sorbischen Institut</p>
				<p>Ende des 19. Jh. bestimmte <persName key="ed_dgv_mnv_vhb">Arnošt Muka</persName> die
					sorbische volkskundliche Forschung. Seine Statistik der Lausitzer Sorben
					(1884–1886), die als Antwort auf <persName key="ed_ccm_vp4_vhb">Richard
						Andrees</persName> „Wendische Wanderstudien“ (1874) gedacht war, enthält
					sowohl exakte Angaben über Dichte und Grenzen des <rs type="term"
						key="Siedlungsgebiet" ref="-">Siedlungsgebiets</rs> als auch Beschreibungen
					des Alltagslebens in den Dörfern. Anlässlich der <rs type="term"
						key="Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes 1896" ref="-"
						>Ausstellung des Sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes</rs> in <placeName
						key="ed_v45_yth_vhb">Dresden</placeName> 1896 war Muka an der Konzeption und
					Errichtung des „Wendischen Dorfes“ beteiligt. Dessen Exponate bildeten den
					Grundstock des <rs type="term" key="Sorbisches Museum/Serbski muzej" ref="-"
						>Wendischen Museums</rs> in Bautzen. Programmatische Vorstellungen über die
					Aufgaben volkskundlicher Forschung verband Muka in der Maćica Serbska mit der
					Etablierung einer eigenen Sektion Volkskunde („narodopis“). Sein Arbeitsprogramm
					von 1898 forderte die Sammlung von Gütern der materiellen und geistigen
					Volkskultur, dazu Bemühungen um deren Erhaltung oder Wiederbelebung. Von
					tschechischer Seite widmete sich <persName key="ed_xhc_tyx_vhb">Ludvík
						Kuba</persName> v. a. der Musikfolklore, <persName key="ed_t1n_vyx_vhb"
						>Adolf Černý</persName> forschte zur Volksarchitektur, zu Hochzeitsbrauchtum
					(→ Hochzeit), Volksliedern und Sagen. Der deutsche Volkskundler <persName
						key="ed_km4_xyx_vhb">Wilibald von Schulenburg</persName> notierte Sagen,
					Sitten, Bräuche und Glaubensvorstellungen (1880, 1882), der Lehrer <persName
						key="ed_jfl_zyx_vhb">Ewald Müller</persName> historische und zeitgenössische
					Volkskultur (1894) der Sorben in der Niederlausitz. Der Volkswirt und
					Sozialwissenschaftler <persName key="ed_hs3_bzx_vhb">Robert Wuttke</persName>
					publizierte in der „Sächsischen Volkskunde“ über Volksdichtung, Bräuche und
					Trachten der Sorben in der Oberlausitz (1901). In der Zwischenkriegszeit
					verglich der deutsche Slawist <persName key="ed_ogc_dzx_vhb">Edmund
						Schneeweis</persName> die Bräuche der Sorben im Lebens-, Jahres- und
					Arbeitslauf mit denen anderer slawischer Völker („Feste und Volksbräuche der
					Lausitzer Wenden“, 1931), <persName key="ed_cs1_fzx_vhb">Friedrich
						Sieber</persName> sammelte Sagen (1925, 1931), von sorbischer Seite erschien
					die erste monografische Studie über die sorbische katholische Tracht von
						<persName key="ed_kwv_hzx_vhb">Maks Rječka</persName> (1936). Der Tscheche
						<persName key="ed_fmy_kzx_vhb">Josef Páta</persName> gab einen ersten
					Überblick zur volkskundlichen Fachgeschichte (1932). </p>
				<p>
					<graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Volkskunde_03.jpg"/>Albrecht Lange bei Feldforschungen in Groß Partwitz, 1969;
					Fotografin: Alexandra Dallmann, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut
					Bautzen</p>
				<p>1951 formulierte <persName key="ed_zvv_rtx_vhb">Pawoł Nedo</persName> die künftigen Aufgaben
					der sorbischen Volkskunde, wobei er sich an der sowjetischen Ethnografie
					orientierte. Bis Mitte der 1950er Jahre standen Bestandsaufnahme und
					Inventarisierung der Trachten, <rs type="term" key="Volksbauweise" ref="-"
						>Volksbauweise</rs> und landwirtschaftlichen Geräte im Mittelpunkt. In den
					1960er Jahren erfolgten – parallel zur zehnbändigen Dokumentation „Sorbische
					Volkstrachten“ – synthetische Darstellungen zu Volksmusik (→ <rs type="term"
						key="Volksmusikanten" ref="-">Volksmusikanten</rs>, → <rs type="term"
						key="Volksmusikinstrument" ref="http://d-nb.info/gnd/4117397-1"
						>Volksmusikinstrumente</rs>) und Volksdichtung, zu Volkskunst, Bräuchen und
					zum Museumswesen. Daneben richtete sich die Forschung auf soziokulturelle
					Gegenwartsprozesse. Laut Nedo, der die Volkskunde zeitweise an den Universitäten
						<placeName key="ed_q3s_3h3_vhb">Leipzig</placeName> und <placeName
						key="ed_cc4_1hh_vhb">Berlin</placeName> vertrat und gemeinsam mit Wolfgang
					Steinitz maßgeblich zu ihrer Profilierung beitrug, sollte sich die Disziplin,
					unter Einbeziehung soziologischer Methoden, mit der Lebensweise und den
					kulturellen Leistungen der Menschen in der Geschichte beschäftigen. Der soziale
					Strukturwandel und die kulturellen Veränderungen eines Ortes vom 17. Jh. bis zur
					Abbaggerung Ende der 1960er Jahre wurden im Buch „<placeName
						key="ed_v4c_pxh_vhb">Groß Partwitz</placeName>. Wandlungen eines Lausitzer
					Heidedorfes“ (Bautzen 1976) von Wissenschaftlern des Instituts für sorbische
					Volksforschung interdisziplinär untersucht. Seit den 1970er Jahren richtete sich
					das Augenmerk auf aktuelle Untersuchungen zur Alltags- und Festkultur in der
					Lausitz. Die Region wurde 1987 mit dem Projekt „Komplexe Gegenwartsforschung zur
					Kultur und Lebensweise in zweisprachigen Dörfern“ einer empirischen Untersuchung
					unterzogen.</p>
				<p>
					<graphic
						url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2019/11/SKL-Volkskunde_04.jpg"
					/>Interdisziplinäre Bestandsaufnahme von Groß Partwitz vor der Ortsdevastierung,
					1976, Domowina-Verlag Bautzen</p>
				<p>Nach 1990 erfuhr die sorbische Volkskunde eine Neuprofilierung, knüpfte aber an
					Fachtraditionen an. So bestehen heute neben vergleichender Minderheitenforschung
					am <rs type="term" key="Sorbisches Institut" ref="-">Sorbischen Institut</rs>
					thematische Schwerpunkte bei Ethnizität, Identität und Religiosität, bei
					Brauch-, <rs type="term" key="Volkstanz" ref="-">Volkstanz</rs>- und
					Erzählforschung; Kultur und Alltag werden dabei auch in hybridologischer und
					soziopsychologischer Perspektive untersucht. </p>
				<p>Lit.: E. Muka: Program narodopisneho wotrjada Maćicy Serbskeje, in: Časopis
					Maćicy Serbskeje (1900); P. Nedo: Přehlad stawiznow serbskeje ludowědy, in:
					Lětopis C 1 (1953); F. Förster: Ethnographische Forschungen zur Vergangenheit
					und Gegenwart, in: 30 Jahre Institut für sorbische Volksforschung. 1951–1981,
					Bautzen 1981; L. Elle: Sorbische Kultur und ihre Rezipienten. Ergebnisse einer
					ethnosoziologischen Befragung, Bautzen 1992; K. Köstlin: Sorbische
					Kulturforschung im europäischen Rahmen, in: Lětopis 40 (1993) 2.</p>
			</div>
		</body>
	</text>
</TEI>
