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			<titleStmt>
				<title>Volksdichtung</title>
				<title xml:lang="deu">Volksdichtung</title>
				<title xml:lang="hsb">Ludowe basnistwo</title>
				<title xml:lang="dsb">Ludowe basnistwo</title>
				<title xml:lang="eng">Folk Poetry</title>
				<author>
					<persName key="ed_rjf_wtb_f3b">Hose, Susanne (1961-)</persName>
				</author>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
			</publicationStmt>
			<sourceDesc>
				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
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        </fileDesc>
		<profileDesc>
			<abstract xml:lang="deu">
				<p>Gesamtheit der aus dem Volksmund bewahrten poetischen Überlieferung. Die
					sorbische Volksdichtung enthält zahlreiche Bezüge zur Arbeits- und Lebenswelt
					der Dorfbewohner und Städter in den Lausitzen im ausgehenden 18. und 19. Jh.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>Cyłk z ludoweho erta wobchowaneho poetiskeho namrěwstwa. Serbske ludowe basnistwo
					wobsahuje mnoho zwiskow z dźěłowym a žiwjenskim swětom wjesnjanow a měšćanow we
					Łužicomaj kónc 18. a 19. lětstotka.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>Cełk w luźe wobchowanego poetiskego namrěśa. Serbske ludowe basnistwo wopśimjejo
					wjele póśěgow na źěłowy a žywjeński swět wejsanarjow a měsćanarjow we Łužycy na
					kóńcu 18. stolěśa a w 19. stolěśu.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>The entirety of all popular traditions preserved in the vernacular. The Sorbian
					folk literature contains numerous references to the working- and living
					environment of the villagers and townspeople in Lusatia, during the late 18th
					and 19th century.</p>
			</abstract>
			<textClass>
				<keywords>
					<term key="Märchen">Märchen</term>
					<term key="Sage">Sage</term>
					<term key="Schwank">Schwank</term>
					<term key="Volkslied">Volkslied</term>
					<term key="Sprichwort">Sprichwort</term>
					<term key="Redensart">Redensart</term>
					<term key="Literatur">Literatur</term>
					<term key="Kinder- und Jugendliteratur">Kinder- und Jugendliteratur</term>
					<term key="Volksliteratur">Volksliteratur</term>
					<term key="Volkserzählung">Volkserzählung</term>
					<term key="Lesen">Lesen</term>
					<term key="Erzählen">Erzählen</term>
					<term key="Buch">Buch</term>
				</keywords>
			</textClass>
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    <text>
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				<p>Gesamtheit der aus dem Volksmund bewahrten poetischen Überlieferung. Der Begriff geht auf
						<persName key="ed_kqt_hqd_dmb">Johann Gottfried Herder</persName> zurück. In
					den nord- und osteuropäischen sowie den angelsächsischen Ländern wird „Folklore“
					für die sprachliche Überlieferung und „Folkloristik“ für die entsprechende
					Fachdisziplin benutzt. Neben den volkstümlichen Erzählungen wie <rs type="term"
						key="Märchen">Märchen</rs>, <rs type="term" key="Sage">Sage</rs> und <rs
						type="term" key="Schwank">Schwank</rs> zählen zur Volksdichtung szenische
					und musikalische Formen wie Volksschauspiel und <rs type="term" key="Volkslied"
						>Volkslied</rs> (→ <rs type="term" key="Legendenlied">Legendenlied</rs>, →
						<rs type="term" key="Kirchenlied">Kirchenlied</rs>), Sprachformeln wie <rs
						type="term" key="Sprichwort">Sprichwort</rs> und <rs type="term"
						key="Redensart">Redensart</rs> (→ <rs type="term" key="Phraseologie"
						>Phraseologie</rs>) oder Funktionsformeln wie Gruß, Zauberspruch (→ <rs
						type="term" key="Volksmedizin">Volksmedizin</rs>) sowie formelhafte
					Inschriften. Der Begriff Volksdichtung ist von der volkskundlichen
					Erzählforschung (→ <rs type="term" key="Volkskunde">Volkskunde</rs>) in der
					zweiten Hälfte des 20. Jh. erweitert worden um die Genres Klatsch und Gerücht,
					um Erlebnisberichte und autobiografische Erzählungen.</p>
				<p>Herder als Begründer des Konzepts der Volkspoesie erhob den naiven, ungekünstelten Stil v. a.
					der Volkslieder zur poetischen Norm, an der sich die Dichtung orientieren
					sollte. In der sorbischen Volksdichtung fällt die Vorliebe für das Diminutiv
					auf, das als sprachliches Gestaltungsmittel die Formelhaftigkeit erhöht
					(niedersorb. <ex>Běłu tu rucycku lubcycce, złoty ten pjeršćenik na palack</ex>
					,dem Liebchen das weiße Händchen (reichen), das goldene Ringlein aufs Fingerlein
					(stecken)’). Sprachliche Bilder (Metaphern, Epitheta, Allegorien) und häufige
					Wiederholungen verfestigen die Texte bes. in den breit erzählenden Genres
					Märchen und Volkslied, v. a. den Balladen, und erhöhen die Reproduzierbarkeit.
					So stehen z. B. die Farben Weiß und Rot für die Schönheit eines Mädchens
					(obersorb. <ex>rjana holčka, běła, čerwjena</ex> ,das schöne Mädchen, das weiße,
					rote’); beliebt sind tautologische Epitheta (obersorb. <ex>slěpc slěpcowski</ex>
					,Nichtsnutz nichtsnutziger’, <ex>lubka najlubša</ex> ,Liebchen allerliebstes’).
					Die Dreizahl ist im Märchen ein wichtiger Teil der Handlungsstruktur. An die
					Stelle von Abstrakta treten konkrete Beispiele oder Personifikationen. Die
					emotionale Anteilnahme am Erzählten oder Gesungenen wird durch die Verwendung
					des – in der heutigen Standardsprache ungebräuchlichen – ethischen Dativs
					angezeigt (obersorb. <ex>Po tej mi dróze mi šěrokej, běštaj tam, běštaj hrodaj
						mi dwaj</ex> ,An der Straße mir, der mir breiten, waren dort, waren
					Schlösser mir zwei’). Ein Merkmal der Sage ist die schmucklose, karge Sprache,
					die auf poetische Bilder und weitschweifige Beschreibungen verzichtet. In ihr
					dominiert die Angst im Gegensatz zum Schwank, in dem die Freude an der Komik
					überwiegt, der aber in seiner Bauart ebenso schlicht wie die Sage wirkt. Ein
					weiteres Gestaltungselement in der Volksdichtung ist die Personifikation
					bestimmter sozialer Typen oder Charaktere, etwa des pfiffigen Heidebauern, der
					fleißigen oder faulen Bauerntochter, der bösen Stiefmutter usw.</p>
				<p><graphic url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/07/SKL-Volksdichtung_01.jpg"/>Hana Chěžcyna, sorbische Märchenerzählerin aus Horka; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die sorbische Volksdichtung projiziert zwar kein exaktes Abbild der sozialen Wirklichkeit,
					enthält aber zahlreiche Bezüge zur Arbeits- und Lebenswelt der Dorfbewohner und
					Städter in der Ober- und Niederlausitz des ausgehenden 18. und des 19. Jh.
					Elemente höfischer Konventionen und Figuren, wie der König, der Ritter und das
					Burgfräulein, erscheinen nur vereinzelt in den Zaubermärchen und in einigen
					Volksliedern, sie werden auch da den Lausitzer Gegebenheiten angepasst. Die sich
					in der Volksdichtung reflektierenden Lebenserfahrungen, Normen und Werte
					entsprechen dem Weltbild der Überlieferungsträger, das stark von den
					Institutionen <rs type="term" key="Schule">Schule</rs> und <rs type="term"
						key="Kirche">Kirche</rs> geprägt wurde. Dabei schlossen Schulwissen,
					christliche Frömmigkeit und Dämonenglaube (z. B. von <rs type="term"
						key="Mittagsfrau">Mittagsfrau</rs>, <rs type="term" key="Wassermann"
						>Wassermann</rs> oder Hausgeistern wie dem obersorb. <ex>zmij</ex>,
					niedersorb. <ex>plon</ex> ,Drak’, oder dem obersorb. <ex>kubołćik</ex> ,Kobold’)
					einander nicht aus, sondern gingen wie in den Sagen oder den Besprechformeln
					eine Symbiose ein.</p>
				<p>Die mündliche und die literarische Tradition haben einander durchdrungen. Diffusionsprozesse
					zeigen sich zum einen in der Übernahme von Stoffen, Formen und Motiven aus der
					Volksdichtung in die sorbische <rs type="term" key="Literatur">Literatur</rs>,
					zum anderen in der Verbreitung von Sprichwort- und Erzählmotiven aus dem
					klassischen und dem vorderasiatischen Schrifttum in der sorbischen Überlieferung
					(→ <rs type="term" key="Krabat">Krabat</rs>). Zwar konnten im 18. und 19. Jh.
					nur wenige Menschen in bäuerlichen und kleinbürgerlichen Schichten sorbisch
					lesen und schreiben. Seinerzeit sorgten jedoch typische Vorlesestoffe wie die
					Bibel (→ <rs type="term" key="Bibelübersetzung">Bibelübersetzungen</rs>), das →
						<rs type="term" key="Gesangbuch">Gesangbuch</rs>, der Katechismus, einige
					religiöse Erbauungsschriften (→ <rs type="term" key="Pietismus">Pietismus</rs>),
					der <rs type="term" key="Kalender">Kalender</rs> sowie auf Flugblättern
					gedruckte Gelegenheitsschriften für die Vermittlung literarischer Stoffe. Diese
					wurden wiederum im privaten Umkreis und in der Nachbarschaft bzw. in der
					Öffentlichkeit von Kirche, Schule, Schenke und verschiedenen Kreisen, etwa der
						<rs type="term" key="Spinnstube">Spinnstube</rs>, mündlich weitergegeben. So
					erklärt sich die Fülle an Varianten zu demselben Erzählmotiv, derselben Melodie
					oder sprichwörtlichen Formel. Die Vermittlung über die Sprachgrenzen hinweg
					besorgten Berufsreisende wie Hausierer, Handwerker, Soldaten und Wanderprediger.
					Bes. die <rs type="term" key="Volksmusikant">Volksmusikanten</rs> betätigten
					sich als professionelle Übersetzer. Sie verfügten über ausreichend Talent und
					Kreativität sowie ein berufliches Interesse an „Neuem“. So sind die sorbischen
					Balladen den deutschen, tschechischen, slowakischen und polnischen Fassungen
					zwar sehr ähnlich, wurden jedoch inhaltlich der sozialen Realität des
					sorbisch-bäuerlichen Milieus angepasst. Großen Anteil an den Adaptionen hatten
					Kantoren und Schulmeister. Das Kralsche Geigenspielbuch enthält z. B. neben
					sorbischen Liedern und Tänzen auch deutsche Titel, die zwischen 1780 und 1790 in
					der Umgebung des Klosters St. Marienstern in <placeName key="ed_b4b_zr3_vhb"
						>Panschwitz-Kuckau</placeName> aufgezeichnet wurden. Mit wachsender
					Lesefähigkeit gewannen seit Mitte des 19. Jh. auch <rs type="term" key="Zeitung"
						>Zeitungen</rs> und billige Hefte mit Kolportageliteratur sowie originärer
					Lyrik aus dem Volk an Einfluss auf das mündliche Erzähl-, Lied- und Spruchgut.
					Mit zunehmender <rs type="term" key="Zweisprachigkeit">Zweisprachigkeit</rs> der
					Bevölkerung, namentlich in den Randgebieten, wurde dieses auch in deutsche
					Sprache aufgezeichnet bzw. von den Sammlern ins Deutsche übersetzt.</p>
				<p>Die sorbische Volksdichtung wurde im 19. Jh. gemäß den vorherrschenden ethischen und
					ästhetisch-sprachlichen Grundsätzen erfasst. Mit der Verschriftlichung einher
					ging die Übertragung der dialektalen Erzählungen, Sprüche und Lieder in die
					ober- und niedersorbische Schriftsprache nebst einer inhaltlichen Redaktion, da
					die Texte und Melodien in der Regel außerhalb ihres eigentlichen Lebensbereichs
					(→ <rs type="term" key="Bräuche">Bräuche</rs>, Rituale, Erzählsituationen) in
					Sammlungen erfasst und publiziert werden sollten. Aufgezeichnet wurde
					hauptsächlich nach Beobachtung und Befragung auf dem Lande. Den Anstoß
					vermittelte die 1779 gegründete <rs type="term"
						key="Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften">Oberlausitzische
						Gesellschaft der Wissenschaften</rs>, die sich zu einem Zentrum
					slawistischer Studien und deutsch-slawischer Wechselseitigkeit entwickelte. In
					den Arbeiten des deutschen Philologen <persName key="ed_pby_yq4_vhb">Karl
						Gottlob von Anton</persName> und des sorbischen Gymnasiallehrers <persName
						key="ed_vlc_gyx_vhb">Jan Hórčanski</persName> entstand das Bild von den
					Sorben als schuldlos unterdrücktes Volk, das sich lediglich auf seine
					Überlieferung besinnen müsse, um national zu erstarken (→ <rs type="term"
						key="nationale Wiedergeburt">nationale Wiedergeburt</rs>). Das aus der
					Altertumskunde erwachsene Interesse maß der Volksdichtung die Bedeutung früher
					literarischer Zeugnisse bei und suchte in der Überlieferung nach Spuren eines
					Entstehungsmythos (→ <rs type="term" key="Mythologie">Mythologie</rs>), der die
					slawische Schicksalsgemeinschaft begründen konnte.</p>
				<p>Erste Ergebnisse veröffentlichten die sorbischen Studenten um <persName key="ed_vkv_nwx_vhb"
						>Handrij Zejler</persName> an der Universität <rs type="term" key="Leipzig"
						>Leipzig</rs> in ihrer 1826 gegründeten handschriftlichen <rs type="term"
						key="Zeitschrift">Zeitschrift</rs> „Sserska/Serbska Nowina“ (Sorbische
					Zeitung). Zejler orientierte sich an der Volksdichtung, um eine Dichtung zu
					schaffen, die wieder zurückfließen und auf das Sozium „sorbisches Volk“
					befruchtend wirken sollte. Die Sammlung „Volkslieder der Wenden in der Ober- und
					Nieder-Lausitz“ (1841/43) von <persName key="ed_mhc_jnv_vhb">Jan Arnošt
						Smoler</persName> und <persName key="ed_lpj_4yx_vhb">Leopold
						Haupt</persName> vereint die Aufzeichnungen mehrerer Sammler. Sie
					repräsentiert enzyklopädisch den Wissensstand über Geschichte, Sprache, Lebens-
					und Denkweise der sorbischen Landbevölkerung bis Mitte des 19. Jh. Ab den 1860er
					Jahren erschienen auf Initiative <persName key="ed_jd2_mx4_c3b">Michał
						Hórniks</persName> in den sorbischen Zeitungen Ergänzungen, was schließlich
					zur erneuten Beschäftigung mit dem Thema durch eine jüngere Generation
					volkskundlich interessierter Forscher führte. <persName key="ed_km4_xyx_vhb"
						>Wilibald von Schulenburg</persName>, <persName key="ed_t1n_vyx_vhb">Adolf
						Černý</persName> und <persName key="ed_dgv_mnv_vhb">Arnošt Muka</persName>
					lieferten in ihren Veröffentlichungen detaillierte Informationen über
					Aufnahmeorte und -situationen sowie ihre Gewährspersonen. <persName
						key="ed_dbh_ngr_d3b">Jan Wjela-Radyserb</persName> schuf mit seinen
					lebenslangen Aufzeichnungen von Sprichwörtern, Redensarten und metaphorischen
					Wendungen einen am Volksmund orientierten sprachlichen Fundus, der stilbildend
					auf die Literatur einwirkte.</p>
				<p>Die Bewertung der Volksdichtung als Ausdruck vormodernen Bewusstseins führte im 20. Jh. dazu,
					dass sie innerhalb der <rs type="term" key="Kinder- und Jugendliteratur">Kinder-
						und Jugendliteratur</rs> einen hohen Stellenwert erhielt und für die
					Heimatpflege und Heimatkunde genutzt wurde. Mit der bildnerischen Darstellung
					des Komplexes hat sich als Erster <persName key="ed_clh_4wz_whb">Měrćin
						Nowak-Njechorński</persName> beschäftigt, der gemäß seiner eigenen Berufung
					als „Maler des sorbischen Volkes“ dem Figurenensemble der Volksdichtung ein
					„kanonisches“ Äußeres verlieh, das durch ständige Reproduktion im Gedächtnis der
					Sorben Wurzeln schlug. Literatur und Kunst haben sich ausgiebig von der
					Volksdichtung inspirieren lassen.</p>
				<p>Lit.: P. Nedo: Grundriß der sorbischen Volksdichtung, Bautzen 1966; H. Bausinger:
					Formen der „Volkspoesie“, Berlin 1968; H. Strohbach u. a.: Deutsche
					Volksdichtung. Eine Einführung, Leipzig 1979; Volksdichtung zwischen
					Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Hg. L. Röhrich/E. Lindig, Tübingen 1989.</p>
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    </text>
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