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				<title>Domowina</title>
				<title xml:lang="deu">Domowina</title>
				<title xml:lang="hsb">Domowina</title>
				<title xml:lang="dsb">Domowina</title>
				<title xml:lang="eng">Domowina</title>
				<author>
					<persName key="ed_efg_tqr_rjb">Bresan, Annett (1969-)</persName>
				</author>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
			</publicationStmt>
			<sourceDesc>
				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
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		<profileDesc>
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				<keywords>
					<term key="Organisation">Organisation</term>
					<term key="Minderheitenpolitik">Minderheitenpolitik</term>
					<term key="Verein">Verein</term>
					<term key="Nationale Minderheit">Nationale Minderheit</term>
					<term key="Dachverband">Dachverband</term>
				</keywords>
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			<abstract xml:lang="deu">
				<p>1912 gegründeter Dachverband sorbischer Vereine, seit 1934 Bund Lausitzer Sorben,
					der als Interessenvertreter des sorbischen Volkes fungiert. Das Wirken der
					Domowina prägt die politische Geschichte und die öffentliche Wahrnehmung der
					Sorben seit dem Ersten Weltkrieg.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>1912 załoženy zwjazk serbskich towarstwow, wot 1934 Zwjazk łužiskich Serbow,
					kotryž skutkuje jako zastupjer zajimow serbskeho ludu. Skutkowanje Domowiny je
					pregnantne za politiske stawizny a zjawne měnjenje wo Serbach wot Prěnjeje
					swětoweje wójny sem.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>1912 załožony kšywowy zwězk serbskich towaristwow, wót 1934 Zwězk łužyskich
					Serbow, kenž zastupujo zajmy serbskego luda. Statkowanje Domowiny pregujo
					politiske stawizny a zjawne měnjenje wó Serbach wót Prědneje swětoweje
					wójny.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>Founding umbrella-association of Sorbian societies, founded in 1912, which serves
					as the Federation of the Lusatian Sorbs since 1934, acting as a representative
					of the Sorbian people. The activities of Domowina have been shaping the
					political history and public perception of the Sorbs, since World War I.</p>
			</abstract>
		</profileDesc>
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    <text>
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			<div>
				<p>1912 gegründeter Dachverband sorbischer Vereine, seit 1934 Bund Lausitzer <rs type="term"
						key="Sorben" ref="http://d-nb.info/gnd/4055619-0">Sorben</rs>, der als
					Interessenvertreter des sorbischen Volkes fungiert. Das Wirken der Domowina
					prägt die politische Geschichte und die öffentliche Wahrnehmung der Sorben seit
					dem Ersten Weltkrieg. Der Sitz der Domowina (deutsch „Heimat“) ist <placeName
						key="ed_xwx_lgh_vhb">Bautzen</placeName>, als <rs type="term" key="Symbole"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4058716-2">Symbol</rs> verwendet sie seit den
					1950er Jahren drei Lindenblätter, die aus einem Stamm mit acht Wurzeln
					erwachsen.</p>
				<p>Bereits im Revolutionsjahr 1848/49 wurde der Vorschlag geäußert, die zahlreich entstehenden
					sorbischen Vereine organisatorisch zusammenzufassen (→ <rs type="term"
						key="Vereinswesen" ref="-">Vereinswesen</rs>). Für kurze Zeit bestanden
					damals die Vereinigten wendischen Vereine, bis in Sachsen im August 1849 die
					demokratischen Vaterlandsvereine verboten wurden. Ab 1871 entstanden wieder
					meist lokal wirkende sorbische Vereine: Bauernvereine mit wirtschaftlicher
					Ausrichtung, Chöre und Theatergruppen, Schüler- und Studentenvereine oder
					konfessionelle Ortsvereine. 1883 und 1898 schlugen Versuche fehl, einen
					Dachverband zu schaffen. Dies zu verwirklichen, gelang 1912 einer Gruppe um
						<persName key="ed_szx_fsj_d3b">Arnošt Bart</persName>, <persName
						key="ed_nbk_jsj_d3b">Handrij Króna</persName>, <persName
						key="ed_djy_nsj_d3b">Jurij Słodeńk</persName>, <persName
						key="ed_cmt_2dy_vhb">Bogumił Šwjela</persName>, <persName
						key="ed_kpw_btj_d3b">Jan Dwórnik</persName>, <persName key="ed_kfy_2tj_d3b"
						>Jurij Delenk</persName>, <persName key="ed_zv4_ztj_d3b">Awgust
						Lapštich</persName>, <persName key="ed_gz1_25j_d3b">Franc Kral</persName>
					und <persName key="ed_tls_35j_d3b">Michał Nawka</persName>. Am 13.10.1912 wurde
					die „Domowina – Bund wendischer Vereine“ in <placeName key="ed_wkb_qb3_vhb"
						>Hoyerswerda</placeName> durch die Vertreter von 31 sorbischen
					Einzelvereinen, darunter jedoch nur einem aus der <placeName
						key="ed_ts5_p24_c3b">Niederlausitz</placeName>, der <rs type="term"
						key="Maćica Serbska/Maśica Serbska" ref="-">Maśica Serbska</rs>, gegründet.
					Sie setzte sich das Ziel, die angeschlossenen Vereine zu fördern, „besonders in
					deren Bemühen um das geistige und wirtschaftliche Glück des wendischen Volkes“.
					Die Gründung endete mit der Verabschiedung der Statuten und der Wahl des
					Vorstands am 9.2.1913. Damit waren alle Vereine zum Beitritt aufgefordert. Zum
					ersten Vorsitzenden wurde der sächsische Landtagsabgeordnete Arnošt Bart
					gewählt. Bis zum Juni 1913 schrieben sich 15 Vereine mit mehr als 1 600
					Mitgliedern ein. Die meisten der zur Gründungsversammlung vertretenen
					katholischen Vereine konnten sich zunächst nicht zum Beitritt entschließen.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_01.jpg"/>Arnošt Bart; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut
					Bautzen</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_02.jpg"/>Gründungshaus in Hoyerswerda, 2020; Fotograf: Frank Müller,
					Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 unterbrach für sechs Jahre jegliche
					Vereinstätigkeit. In der Nachkriegszeit dominierte der Wendische
					Nationalausschuss mit seinen weitreichenden politischen Forderungen (→ <rs
						type="term" key="Autonomiebestrebungen" ref="-">Autonomiebestrebungen</rs>)
					das öffentliche sorbische Leben. Nach dem Scheitern dieser Bewegung, an deren
					Spitze ebenfalls Bart stand, erneuerte sich die Domowina ab Ende 1920. 1924
					vereinte sie 82, 1931 85 lokale Vereine und Vereinigungen. Um den im Statut
					genannten Aufgaben gerecht zu werden, organisierte sie Vorträge, Konzerte,
					Ferienaufenthalte für Kinder, gab Theaterstücke und Notenmaterial heraus, was
					besonders von den zahlreichen Chören und Laiengruppen genutzt wurde. Höhepunkte
					des sorbischen Lebens waren zentrale Domowina-Feste mit Kulturprogrammen und
					Umzügen; in der Niederlausitz veranstaltete die Maśica Serbska Trachtenfeste (→
						<rs type="term" key="Sorbische Volkstreffen" ref="-">Sorbische
						Volkstreffen</rs>). Zudem wurden in der Oberlausitz <rs type="term"
						key="Denkmal" ref="http://d-nb.info/gnd/4011453-3">Denkmale</rs> für
					sorbische Persönlichkeiten gestiftet.</p>
				<p>Die Vertretung sorbischer Interessen gegenüber Reichs- und Länderregierungen übernahm der
					1925 gebildete Wendische Volksrat, in dem auch die Domowina vertreten war. Auf
					deren Initiative war am Ende der <rs type="term" key="Weimarer Republik"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4065109-5">Weimarer Republik</rs> in Petitionen
					eine Verbesserung der Unterrichtssituation für sorbische Kinder verlangt worden,
					was jedoch ohne größeren Erfolg blieb. Besonders enge Beziehungen gab es zum
					sorbischen Turnverband <rs type="term" key="Sokoł" ref="-">Sokoł</rs>.
					Repressionen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 (zeitweiliges
					Verbot der Tageszeitung „Serbske Nowiny“, Verhaftungen, Selbstauflösung des
					Turnverbands und des Wendischen Volksrates) lähmten das sorbische Vereinsleben
					und hielten viele Mitglieder von weiteren Aktivitäten ab (→ <rs type="term"
						key="NS-Zeit" ref="-">NS-Zeit</rs>). Eine Loyalitätserklärung vom September
					1933 zwischen Regierungsvertretern und ausgesuchten Repräsentanten der sorbische
					Öffentlichkeit – darunter aber kein Vertreter der Domowina – trug zur Beruhigung
					bei. Unter dem Vorsitz von <persName key="ed_zvv_rtx_vhb">Pawoł Nedo</persName>,
					der Ende 1933 zum Vorsitzenden der Domowina gewählt wurde, kam es zu einer seit
					Längerem erörterten Strukturreform, die die Umstellung von Vereins- auf
					Einzelmitgliedschaft vorsah und die Organisation im Innern festigen sollte. Sie
					präsentierte sich nun als politische Sprecherin der Sorben. Den Ausbau der
					Tätigkeit z. B. durch Einbeziehung der preußischen <placeName
						key="ed_e5l_q24_c3b">Oberlausitz</placeName> und der Niederlausitz sowie den
					Aufbau von Jugendgruppen beobachteten die Behörden mit Argwohn. Es wurden
					zunehmend Maßnahmen ergriffen, mit denen die sorbische Sprache verdrängt und die
					sorbische Identität unterdrückt werden sollte. Dies erschwerte es den Vereinen,
					ein vielseitiges Kulturleben aufrechtzuerhalten. Auch die Versuche, sich durch
					die NS-Volkstumsideologie zu legitimieren – „Ty sam ničo njejsy, naš serbski
					cyłk je naša móc!“ (Du allein bist nichts, unsere sorbische Gemeinschaft ist
					unsere Kraft!) –, erwiesen sich als Irrweg. Eine staatlicherseits oktroyierte
					Satzung, in der die Domowina anfangs als „Bund wendisch-sprechender Deutscher“,
					später als „Bund zur Pflege der Heimat und des wendischen Brauchtums“ definiert
					wurde, lehnten die Vertreter der Vereine mehrheitlich ab. Das führte am
					18.3.1937 zum Verbot von Veranstaltungen und Versammlungen aller angeschlossenen
					Gliederungen, im August 1937 auch der meisten übrigen sorbischen Vereine. Der
					Domowina war damit die Grundlage ihrer Tätigkeit entzogen, 1941 folgten das –
					nur noch amtlich relevante – offizielle Verbot und die Konfiskation des
					Vermögens.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_03.jpg"/>Domowina-Treffen 1926 in Hochkirch; Sorbisches Kulturarchiv am
					Sorbischen Institut</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_04.jpg"/>Erste sorbische Kulturveranstaltung nach Kriegsende 1945;
					Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am 10.5.1945, wurde die Domowina in
						<placeName key="ed_epd_wrh_vhb">Crostwitz</placeName> unter dem vorläufigen
					Vorsitz von <persName key="ed_z4k_ppp_c3b">Jan Cyž</persName> erneuert und von
					der sowjetischen Kommandantur in <placeName key="ed_xwx_lgh_vhb"
						>Bautzen</placeName> (vorerst regional begrenzt) anerkannt. Zeitgleich
					entstand in <placeName key="ed_cfv_ys3_vhb">Prag</placeName> der Sorbische
					Nationalrat, von dem v. a. politische Forderungen ausgingen, die abermals bis zu
					Autonomielösungen bzw. dem Anschluss an die ČSR reichten. Die Domowina-Führung
					unterstützte dies in einigen Memoranden (→ <rs type="term"
						key="Autonomiebestrebungen" ref="-">Autonomiebestrebungen</rs>). Die
					sowjetische Besatzungsmacht lehnte jedoch die Vorstellungen ab und akzeptierte
					nur eine kulturelle Eigenständigkeit. Damit geriet der Nationalrat politisch ins
					Abseits. Die Domowina, die sich den sowjetischen Vorgaben unterordnete,
					etablierte sich von da an als Interessenvertreterin der Sorben. Ihre führenden
					Köpfe begrüßten die ostdeutsche Nachkriegsordnung als soziale Befreiung des
					sorbischen Volkes; den Sozialismus betrachteten sie als Voraussetzung für
					nationale Gleichachtung. Bei den Kommunalwahlen 1946 ging die Domowina eine
					Listenverbindung mit der SED ein. Unter der Leitung von Nedo, der 1945 den
					Vorsitz wieder übernommen hatte, installierte der Verband einen von
					hauptamtlichen Funktionären geleiteten Apparat, der neben seiner regionalen
					Struktur über Ressorts (u. a. Kultur, Schule, Jugend/Bildung, Propaganda,
					Wirtschaft) verfügte. Das traditionelle Vereinsleben konnte in der Sowjetischen
					Besatzungszone und in der DDR nicht fortgeführt werden, dafür erhielt die
					Domowina von der sächsischen Staatsregierung 1949 den Status einer Körperschaft
					des öffentlichen Rechts.</p>
				<p>Die Wiederbelebung des sorbischen Kulturlebens und die Einführung eines
					differenzierten Sorbischunterrichts gestalteten sich zunächst schwierig. (→ <rs
						type="term" key="Schule" ref="http://d-nb.info/gnd/4053474-1">Schule</rs>)
					Einen spürbaren Aufschwung brachte das am 23.3.1948 in Sachsen verabschiedete
					Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung (→ <rs type="term"
						key="Sorbengesetze" ref="-">Sorbengesetze</rs>). Es beinhaltete staatliche
					Förderung und Finanzierung, sodass neben der Domowina als Mitgliederorganisation
					mehrere sorbische Institutionen für die Bereiche Bildung, Kultur und
					Wissenschaft entstanden.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_05.jpg"/>II. Bundeskongress der Domowina in Bautzen, 1952; Fotograf: Kurt
					Heine, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut Bautzen</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_06.jpg"/>Plakat zum IV. Bundeskongress der Domowina in Cottbus von Horst
					Šlosar, 1957; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut Bautzen</p>
				<p>In der Niederlausitz stand der Großteil der Sorben den nationalen Bestrebungen
					zunächst gleichgültig bis ablehnend gegenüber. Das ethnische Bewusstsein war
					hier fast ausschließlich vom kirchlichen Leben geprägt, hatte aber rapide an
					Substanz verloren. Der Domowina gelang es in der Nachkriegszeit nur mit großer
					Mühe, in Brandenburg Fuß zu fassen. Obwohl 1946 in <placeName
						key="ed_dhb_ydj_vhb">Werben</placeName> unter Leitung von <persName
						key="ed_m2d_mvj_d3b">Měto Laški</persName> ein Domowina-Vorstand für die
					Niederlausitz gewählt worden war, bekam die Organisation erst 1949 die
					Erlaubnis, im Land zu wirken; eine entsprechende Verordnung wurde 1950
					ratifiziert. Danach wurden auch hier die ersten Ortsgruppen gegründet. Es
					blieben jedoch Vorbehalte gegenüber einer als Bevormundung und Missachtung
					spezifischer Eigenheiten empfundenen Anleitung aus der Oberlausitz bestehen.</p>
				<p>Nach 1950 war die Domowina, begünstigt durch die neue Organisationsstruktur, in einen
					Funktionärsapparat einerseits und die Ortsgruppen andererseits unterteilt. In
					den Leitungsgremien (Sekretariat, Bundesvorstand) gewannen SED-treue Mitglieder
					zunehmend die Oberhand, die die Domowina nach dem Vorbild der
					DDR-Massenorganisationen umgestalteten (→ <rs type="term" key="DDR-Zeit" ref="-"
						>DDR-Zeit</rs>). Sie sahen es als ihre Aufgabe an, die Politik von Partei
					und Staat bei der sorbischen Bevölkerung durchzusetzen, so bei Werbekampagnen
					für die <rs type="term" key="Kollektivierung" ref="-">Kollektivierung der
						Landwirtschaft</rs> oder der Intensivierung des <rs type="term"
						key="Braunkohlebergbau" ref="http://d-nb.info/gnd/4131791-9"
						>Braunkohlenbergbaus</rs>. Mitte der 1950er Jahre spitzten sich die
					Richtungskämpfe vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels zu. Die mehrfach
					öffentlich geäußerte Sorge um den Fortbestand des sorbischen Volkes wurde 1955
					auf dem III. Bundeskongress durch SED- und Domowina-Funktionäre als
					Nationalismus diffamiert. Unter der Losung einer „Vollendung des sozialistischen
					Aufbaus“ wurden ab 1958 von maßgeblichen SED-Kreisen Erhalt und Pflege der
					sorbischen Sprache tendenziell abgewertet und als unvereinbar mit den Prinzipien
					des Marxismus bezeichnet. Nach internen Diskussionen schwenkten die
					Domowina-Funktionäre auf diese Linie ein, weshalb zahlreiche Mitglieder
					austraten. Evangelische und katholische sorbische Pfarrer, die bis dahin großen
					Anteil am Wirken der Organisation hatten, wandten sich nun offen gegen sie.
					Ungeachtet dessen behielten die Ortsgruppen ihre relative Eigenständigkeit, die
					auf dem Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen für Herkunft und Sprache
					beruhte.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_07.jpg"/>Horst Sindermann verleiht der Domowina den Vaterländischen
					Verdienstorden in Gold, 1982; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut
					Bautzen</p>
				<p>Als Reaktion auf den Mitglieder- und Bedeutungsschwund strebte der damalige 1.
					Bundessekretär <persName key="ed_h1l_svj_d3b">Bjarnat Nowak</persName> an, die
					Domowina als reine Kulturorganisation auszurichten, was durch die SED verhindert
					wurde. In diesen Zusammenhang gehört auch die Einführung des Sorbischunterrichts
					auf freiwilliger Basis durch die sogenannte 7. Durchführungsbestimmung 1964, die
					zu einem beträchtlichen Rückgang der Schülerzahlen führte. Obwohl sich bei
					vielen Sorben sowie bei einigen Domowina-Funktionären Widerstand regte, konnte
					der Erlass nicht verhindert werden. Erst in den 1970er Jahren gelang es
					allmählich, die negativen Folgen auszugleichen.</p>
				<p>Ab 1969 bezeichnete sich die Domowina offiziell als „sozialistische nationale Organisation
					der Sorben in der DDR“. Viele Veranstaltungen in den Ortsgruppen widerspiegelten
					das uniforme gesellschaftliche Leben im Land, denn sie waren zentral vorgegeben,
					Teil eines formellen Wettbewerbs oder rein ideologischer Natur. Als politische
					Höhepunkte fanden Domowina-Bundeskongresse statt (1951–1990 zwölf Kongresse, ab
					1977 stets in <placeName key="ed_oyh_pkh_vhb">Cottbus</placeName>). Auf
					kultureller Ebene wurde die Tradition der sorbischen Volkstreffen aufgenommen,
					die ab 1966 als mehrtägige Festivals der sorbischen Kultur gefeiert wurden
					(Kreisfestivals und sieben zentrale Festivals).</p>
				<p>Erst als die politisch-ideologischen Konflikte nicht mehr in aller Schärfe ausgetragen
					wurden, konnte durch verstärktes kulturelles Engagement die negative
					Mitgliederentwicklung aufgehalten und bis 1989 sogar umgekehrt werden. Ein
					wachsender Teil der Aktivitäten war nunmehr der Pflege von Sprache, Kultur und
					Tradition gewidmet. Ungeachtet der großzügigen rechtlichen Bestimmungen und der
					institutionellen Förderung fehlten jedoch wirksame Initiativen, um die
					fortschreitende <rs type="term" key="Assimilation"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4139304-1">Assimilation</rs> aufzuhalten. 1988 bot
					die Führung der Domowina sorbischen Vertretern der katholischen und
					evangelischen Kirche einen „nationalen Dialog“ an, um zur Wahrung sorbischer
					Interessen wichtige Partner einzubinden.</p>
				<p>Während der <rs type="term" key="politische Wende" ref="-">politischen Wende</rs> von 1989/90
					blieb die Domowina zunächst ohne Konzept und personelle Veränderungen, es kam zu
					einer Welle von Austritten und zur Auflösung von Ortsgruppen. Die Bewegung
					zugunsten einer programmatischen Erneuerung wurde ab November 1989 von der <rs
						type="term" key="Sorbische Volksversammlung (1989-1990/91)" ref="-"
						>Sorbischen Volksversammlung</rs> getragen. Angesichts ihrer bis 1912
					zurückreichenden Tradition plädierte auch die damalige Opposition für den
					Fortbestand der Domowina als politisch und weltanschaulich unabhängiger,
					demokratischer Organisation, die die sorbischen Vereine zusammenhält.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_09.jpg"/>Seit
					1995 aller zwei Jahre von der Domowina organisiertes Folklorefestival</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Domowina_10.jpg"/>Webauftritt der Domowina (2020)</p>
				<p>Unter dieser Prämisse konstituierte sich die Domowina 1991 als eingetragener Verein mit neuer
					Satzung, der sich für die Erhaltung und Entfaltung, die Förderung und
					Verbreitung von Sprache, Kultur und Tradition des sorbischen Volkes einsetzt. Im
					selben Jahr wurde die Organisation Vollmitglied der Föderalistischen Union
					europäischer Volksgruppen. Mitglied der Domowina können sowohl Personen als auch
					Vereine sein. In der Praxis wird der Dachverband von den staatlichen Instanzen
					als Interessenvertretung der Sorben anerkannt. Das höchste Gremium der Domowina
					ist die alle zwei Jahre einberufene Hauptversammlung, über die laufende Arbeit
					entscheidet der Bundesvorstand, der von einem Präsidium geleitet wird. Für die
					Verwirklichung der Beschlüsse und die Unterstützung der Vereine sind die
					Geschäftsführer in Bautzen und Cottbus verantwortlich. Die Domowina ist in
					Regionalverbände (sorbisch župa) gegliedert, die über die gleichen
					Leitungsebenen (Hauptversammlung, Vorstand) wie der Bund verfügen. Die ersten
					Regionalverbände (Bautzen, <placeName key="ed_ic5_gc3_vhb">Kamenz</placeName>,
					Hoyerswerda und Niederlausitz) waren 1921 gebildet worden. In der DDR
					entsprachen sie den Kreiseinteilungen: Bautzen (zeitweilig existierte ein
					eigenständiger Verband der Stadt Bautzen), Kamenz, <placeName
						key="ed_srx_rdj_vhb">Weißwasser</placeName>/<placeName key="ed_dnt_dr3_vhb"
						>Niesky</placeName>, Hoyerswerda; in der Niederlausitz: Cottbus, <placeName
						key="ed_bzp_xy3_vhb">Spremberg</placeName>, <placeName key="ed_xgh_c13_vhb"
						>Guben</placeName>/<placeName key="ed_pgy_1vh_vhb">Forst</placeName>,
						<placeName key="ed_i1k_yjh_vhb">Calau</placeName>/<placeName
						key="ed_byq_qm3_vhb">Lübben</placeName>; Oberschüler und Studenten bildeten
					den Hochschulverband „<persName key="ed_lnz_rwj_d3b">Jan Skala</persName>“.
					Heute bestehen fünf Regionalverbände: „<persName key="ed_mhc_jnv_vhb">Jan Arnošt
						Smoler</persName>“ Bautzen, „<persName key="ed_jd2_mx4_c3b">Michał
						Hórnik</persName>“ Kamenz (Sitz Crostwitz), „<persName key="ed_vkv_nwx_vhb"
						>Handrij Zejler</persName>“ Hoyerswerda, Weißwasser/Niesky (Sitz Schleife),
					Niederlausitz (Sitz Cottbus). Eine Anzahl spezifischer Vereine ist überregional
					tätig. Auf Beschluss der Hauptversammlung wurde 2001 das WITAJ-Sprachzentrum als
					eine eigenständige Abteilung der Domowina angeschlossen. Seine Aufgabe ist es,
					die intensive Vermittlung der sorbischen Sprache in Kindergarten und Schule
					durch Projekte und Lehrmittel zu unterstützen (→ <rs type="term"
						key="Witaj-Modellprojekt" ref="-">Witaj-Modellprojekt</rs>).</p>
				<p>Der Vorsitz der Domowina war bis 1951 und ist seit 1991 ehrenamtlich; von 1952
					bis 1991 wurde er hauptamtlich ausgeübt, von 1973 bis 1990 durch den 1. Sekretär
					des Bundesvorstands. Vorsitzende: 1913 <persName key="ed_szx_fsj_d3b">Arnošt
						Bart</persName>, 1927 <persName key="ed_hr4_zwj_d3b">Jakub
					Šewčik</persName>, 1930 <persName key="ed_y2m_2xj_d3b">Jan Křižan</persName>,
					1933 <persName key="ed_pjf_fvv_c3b">Pawoł Nedo</persName>, 1951 <persName
						key="ed_tdf_rkd_d3b">Kurt Krjeńc</persName>, 1973 <persName
						key="ed_tdg_kxj_d3b">Jurij Grós</persName>, 1990 <persName
						key="ed_udj_nxj_d3b">Bjarnat Cyž</persName>, 1991 <persName
						key="ed_qgl_rxj_d3b">Jan Pawoł Nagel</persName>, 1993 <persName
						key="ed_xl4_cyj_d3b">Jakub Brankačk</persName>, 2000 <persName
						key="ed_trh_gyj_d3b">Jan Nuk</persName>, 2011 <persName key="ed_qsj_jyj_d3b"
						>Dawid Statnik</persName>.</p>
				<p>Lit.: R. Thiemann: Hoyerswerda, 13. Oktober 1912. Gründung der Domowina, Bautzen
					1987; F. Rajš: Stawizny Domowiny we słowje a wobrazu, Budyšin 1987; S. Musiat:
					Sorbische/Wendische Vereine 1716–1937, Bautzen 2001; E. Pech: Die Sorbenpolitik
					der DDR 1949–1970. Anspruch und Wirklichkeit, Bautzen 1999; L. Elle: Die
					Domowina in der DDR, Bautzen 2010.</p>
			</div>
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    </text>
</TEI>
