<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:telota="http://www.telota.de" xml:id="prov_urk_3hd_r3b">
    <teiHeader>
        <fileDesc>
			<titleStmt>
				<title>Kollektivierung der Landwirtschaft</title>
				<title xml:lang="deu">Kollektivierung der Landwirtschaft</title>
				<title xml:lang="hsb">Kolektiwizacija ratarstwa</title>
				<title xml:lang="dsb">Kolektiwizacija rolnikaŕstwa</title>
				<title xml:lang="eng">Collectivization of Agriculture</title>
				<author>
					<persName key="ed_dtq_ws5_2mb">Pech, Edmund</persName>
				</author>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
			</publicationStmt>
			<sourceDesc>
				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
			</sourceDesc>
        </fileDesc>
		<profileDesc>
			<abstract xml:lang="deu">
				<p>Überführung von Privateigentum an landwirtschaftlichem Besitz in Gemeineigentum,
					im engeren Sinne die Bildung von juristisch selbstständigen
					Produktionsgenossenschaften (LPGs) in der DDR der 1950er Jahre. Bauern der
					Gemeinde Kreckwitz im Kreis Bautzen gründeten Ende Juli 1952 die erste LPG in
					der deutsch-sorbischen Region.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>Přenjesenje priwatneho wobsydstwa ratarskeje pódy do zhromadneho wobsydstwa, we
					wušim zmysle tworjenje juristisce samostatnych produkciskich drustwow (LPG) w
					NDR 1950tych lět. Burja Krakečanskeje wosady w Budyskim wokrjesu załožichu kónc
					julija 1952 prěnju LPG w němsko-serbskim regionje.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>Pśenjasenje priwatnego wobsejźeństwa rolnikaŕskego swójstwa do zgromadnego
					wobsejźeństwa, we wušem zmysle twórjenje juristiski samostatnych produkcijnych
					drustwow (LPG) w NDR 1950tych lět. Burje gmejny Krakecy we wokrejsu Budyšyn su
					kóńc julija 1952 prědnu LPG w nimsko-serbskem regionje załožyli.</p>
			</abstract>
			<textClass>
				<keywords>
					<term key="Landwirtschaft">Landwirtschaft</term>
					<term key="Landwirt" ref="http://d-nb.info/gnd/4034399-6 ">Landwirt</term>
					<term key="Landwirtin" ref="http://d-nb.info/gnd/4468055-7 ">Landwirtin</term>
					<term key="Bauer" ref="http://d-nb.info/gnd/4004763-5">Bauer</term>
					<term key="Bäuerin" ref="http://d-nb.info/gnd/4004229-7">Bäuerin</term>
					<term key="Lausitz" ref="-">Lausitz</term>
					<term key="Domowina" ref="-">Domowina</term>
					<term key="Assimilation" ref="http://d-nb.info/gnd/4139304-1"
						>Assimilation</term>
					<term key="Sprachsituation" ref="-">Sprachsituation</term>
				</keywords>
			</textClass>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>Transfer of private ownership of agricultural property into common property, in
					the narrower sense the formation of legally independent production cooperatives
					(LPGs) in the GDR of the 1950s. Farmers of the community Kreckwitz in the
					district of Bautzen founded the first LPG in the German-Sorbian region, the end
					of July 1952.</p>
			</abstract>
		</profileDesc>
    </teiHeader>
    <text>
		<body>
			<div>
				<p>Überführung von Privateigentum an landwirtschaftlichem Besitz in Gemeineigentum, im engeren
					Sinne die Bildung von juristisch selbstständigen Produktionsgenossenschaften
					(LPGs) in der DDR der 1950er Jahre. Es gehörte zur sozialistischen Ideologie,
					das private Landeigentum in kollektiven Besitz umzuwandeln und gemeinschaftlich
					bewirtschaften zu lassen. Ziel war die Schaffung genossenschaftlicher
					Großbetriebe. Ab Juli 1952 gab die SED mit dem Beschluss der 2. Parteikonferenz
					über den „Aufbau des Sozialismus“ der Bildung von Produktionsgenossenschaften
					ihre generelle Unterstützung.</p>
				<p><graphic
						url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Kollektivierung-der-Landwirtschaft_01.jpg"
					/>Freundschaftsvertrag zwischen der Bau-Union Bautzen und der LPG Wurschen,
					1953; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Sorbische Bauern der Gemeinde <placeName key="ed_wqm_hg3_vhb"
						>Kreckwitz</placeName> im Kreis <rs type="term" key="Bautzen" ref="-"
						>Bautzen</rs> gründeten Ende Juli 1952 die erste LPG in der
					deutsch-sorbischen Region. Kurz darauf folgten vielerorts weitere
					Zusammenschlüsse von Landwirten. Entsprechend der politischen Strategie der SED
					hatte die <rs type="term" key="Domowina" ref="-">Domowina</rs> diese
					ökonomischen Veränderungen aktiv mitzutragen. Sie wurde in Werbekampagnen
					zugunsten der Kollektivierung der Landwirtschaft im sorbischen <rs type="term"
						key="Siedlungsgebiet" ref="-">Siedlungsgebiet</rs> eingebunden. Dabei war
					die Frage zu beantworten, wie der Gebrauch des Sorbischen in den LPGs garantiert
					werden konnte. Viele Sorben befürchteten, dass in deutsch-sorbischen
					Arbeitsbrigaden ihre Muttersprache zurückgedrängt werden würde. Deshalb gab es
					Bestrebungen, rein sorbische Genossenschaften zu bilden. Die Domowina forderte
					zwar, in Betriebszeitungen und Vorstandssitzungen die sorbische Sprache
					anzuwenden, vertrat jedoch grundsätzlich die Position des Staates.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Kollektivierung-der-Landwirtschaft_02.jpg"/>LPG „Neue Zeit – Nowy čas“ in Cölln, 1954; Fotograf: Kurt Heine,
					Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Verlauf und Ergebnisse der Kollektivierung der Landwirtschaft in den zweisprachigen Dörfern
					beider Lausitzen bestätigen trotz regionaler Besonderheiten die Typik dieses
					Entwicklungsabschnitts im ländlichen Raum der DDR. Die Genossenschaftsbildung
					begann zögerlich und brachte zunächst nur geringe Erfolge. Ab Februar 1953
					sollten die LPG-Gründungen forciert werden. Doch die Einzelbauern setzten den
					Werbern hartnäckigen Widerstand entgegen, der in den Junitagen 1953 einen ersten
					Höhepunkt erreichte. Die Polizei registrierte im zweisprachigen Gebiet „eine
					beunruhigende Stimmungsmache gegen die Regierung der DDR“. In vielen Dörfern der
						<rs type="term" key="Oberlausitz" ref="-">Ober-</rs> und <rs type="term"
						key="Niederlausitz" ref="-">Niederlausitz</rs> fanden nicht genehmigte
					Versammlungen statt, bei denen u. a. freie und geheime Wahlen gefordert wurden.
					Im Zuge des neuen Kurses, der nach dem Volksaufstand vom 17.6.1953 vom Politbüro
					eingeleitet wurde, nahm die SED die Sanktionen gegen die privaten Bauern zurück.
					Im gesamten Land ging die Zahl der LPG-Gründungen deutlich zurück. Für einige
					Jahre konnten die Bauernhöfe innerhalb der staatlich vorgegebenen
					Wachstumsgrenzen relativ frei von Auflagen arbeiten. Meist handelte es sich um
					stabile Wirtschaften mit ausreichenden Erträgen.</p>
				<p>Nach Jahren der Zurückhaltung nahmen ab 1958, infolge von Beschlüssen des V. Parteitags der
					SED, die politischen Zwangsmaßnahmen gegenüber den Bauern wieder zu. Die
					entscheidende Phase der Kollektivierung der Landwirtschaft begann Anfang 1960.
					Mit Unterstützung von Parteien und Organisationen entsandte die SED zahlreiche
					Agitatoren aufs Land, darunter Mitarbeiter sorbischer Institutionen und der
					Domowina. Dies trug zu einer Verschärfung des Konflikts zwischen Bauern und
					Funktionären bei. Im Frühjahr 1960 registrierten die staatlichen
					Sicherheitsbehörden an einigen Orten „eine Zunahme krimineller Delikte“. Doch es
					kam nur selten zum offenen Widerstand. Meist protestierten die Bauern mit
					anonymen Beschwerden oder beschädigten Transparente, die für die LPGs werben
					sollten. In der zweisprachigen Region machte sich überdies der Einfluss der
					Kirchen geltend.</p>
				<p>Sorbische Pfarrer betonten in ihren Predigten die Unvereinbarkeit der
					Kollektivierung der Landwirtschaft mit dem christlichen Glauben und dem Recht
					auf Eigentum. Zahlreiche Forderungen der Bauern, etwa die Garantie auf
					Einhaltung kirchlicher Feiertage in den LPG-Statuten, hatten ihren Grund in der
					religiösen Bindung der Landwirte. In einigen sorbischen katholischen Orten
					verlangten die Bauern, dass bei einem LPG-Eintritt ihre Kinder von der
					atheistischen Jugendweihe verschont und die Kruzifixe in den Schulen hängen
					bleiben müssten. Einzelne Bauern verließen infolge der politischen Repressalien
					ihre Höfe bzw. die DDR.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Kollektivierung-der-Landwirtschaft_03.jpg"/>Rinderoffenstall der LPG Lehndorf, 1956; Fotograf: Kurt Heine,
					Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Kollektivierung-der-Landwirtschaft_04.jpg"/>Frauen in der Schleifer Region bei der Feldarbeit, um 1980;
					Fotograf: Gerhard Joppich, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Doch auch im deutsch-sorbischen Territorium der Bezirke <placeName
						key="ed_v45_yth_vhb">Dresden</placeName> und <rs type="term" key="Cottbus"
						ref="-">Cottbus</rs> wurde bis Ende Mai 1960 die Kollektivierung der
					Landwirtschaft durchgängig erreicht. Trotz aller Verweigerung war es der SED in
					einer dreimonatigen Kampagne gelungen, die Vergenossenschaftung abzuschließen.
					Am 31.5.1960 gehörten in der DDR 945 000 Menschen und 85 % der
					landwirtschaftlichen Nutzfläche zum genossenschaftlichen Sektor. Es existierten
					zunächst drei Typen von LPGs: Im Typ I verblieb die Tierhaltung in eigener
					Verantwortung, im Typ III wurde nach dem Boden auch das Vieh kollektiv
					bewirtschaftet; Typ II – gemeinsame Nutzung der Maschinen – spielte praktisch
					kaum eine Rolle. In der Praxis gelang es manchen sorbischen Landwirten,
					namentlich im ertragreichen Lößlehmgebiet östlich von <placeName
						key="ed_ic5_gc3_vhb">Kamenz</placeName>, ihre Betriebe noch einige Jahre vor
					der LPG zu bewahren. Viele Bauern waren keineswegs von den Vorteilen überzeugt,
					sie wurden trotz erheblicher Bedenken zum Beitritt genötigt. Das führte
					unmittelbar zu Ertragseinbußen. Erst ab 1964 festigte sich die wirtschaftliche
					Lage der meisten LPGs und die Bauern begannen die Genossenschaften zu
					akzeptieren. Durch den Einsatz von Technik erwiesen sich die Großbetriebe den
					früheren Familienhöfen ökonomisch überlegen. Hinzu kamen bald weitere Vorzüge,
					so kontinuierliche Lohnerhöhungen, regelmäßiger Urlaub, bezahlte Sonn- und
					Feiertage, Kinder- und Krankengeld, später ein Rentenanspruch.</p>
				<p>Die Kollektivierung der Landwirtschaft wirkte sich auch auf die Anwendung der
					sorbischen Sprache unter den Dorfbewohnern aus. In den Einzelwirtschaften, wo
					oft Familienangehörige mitarbeiteten, waren Arbeits- und Familiensprache
					Sorbisch. Nach den LPG-Gründungen änderte sich in mancher Hinsicht die
					Umgangssprache am Arbeitsplatz. Zunächst unterhielten sich die sorbischen Bauern
					noch in ihrer Muttersprache. Doch später, nach Zusammenschlüssen mehrerer LPGs
					zu größeren Einheiten der Tier- und Pflanzenproduktion, dominierte allmählich
					das Deutsche. Beim Sprachwechsel spielte der regionale Faktor eine wesentliche
					Rolle. Speziell am Rande des sorbischen Siedlungsgebiets kam es zu einem raschen
					Wechsel vom Sorbischen zum Deutschen, die Minderheitssprache wurde in private
					Nischen verdrängt. Eine Ausnahme bildete die <rs type="term"
						key="katholische Region" ref="-">katholische Region</rs>, wo die ethnische
					Substanz über Jahrzehnte die Anwendung des Sorbischen im bäuerlichen Alltag
					erlaubte.</p>
				<p>Lit.: Zwischen Bodenreform und Kollektivierung. Vor- und Frühgeschichte der „sozialistischen
					Landwirtschaft“ in der SBZ/DDR vom Kriegsende bis in die fünfziger Jahre, Hg. U.
					Kluge, Stuttgart 2001; A. Bauerkämper: Ländliche Gesellschaft in der
					kommunistischen Diktatur. Zwangsmodernisierung und Tradition in Brandenburg 1945
					–1963, Köln/Weimar/Wien 2002; E. Pech: „Der sozialistische Frühling auf dem
					Lande“. Die Kollektivierung der Landwirtschaft in der zweisprachigen
					Oberlausitz, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 74/75 (2003/04); J.
					Schöne: Frühling auf dem Lande? Die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft,
					Berlin 2005.</p>
			</div>
		</body>
    </text>
</TEI>
