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				<title>Lyrik</title>
				<title xml:lang="deu">Lyrik</title>
				<title xml:lang="hsb">Lyrika</title>
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				<title xml:lang="eng">Poetry</title>
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					<persName key="ed_iy5_qvm_23b">Prunitsch, Christian (1970-)</persName>
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				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
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				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
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					<term key="Literatur">Literatur</term>
					<term key="Dichtung">Dichtung</term>
					<term key="Dichter">Dichter</term>
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					<term key="Poesie">Poesie</term>
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			<abstract xml:lang="deu">
				<p>Dichtung in Versform, älteste und wichtigste der drei Gattungen in der sorbischen
					Literatur.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>Basnjenje we wjeršowej formje, starša a najwažniša z třoch žanrow w serbskej
					literaturje.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>Basnjenje w smužkowej formje, nejstarša a nejwažnjejša z tśich družynow w
					serbskej literaturje.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>Poem in verse, the oldest and most important of the three genres in Sorbian
					literature.</p>
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				<p>Dichtung in Versform, älteste und wichtigste der drei Gattungen in der sorbischen <rs
						type="term" key="Literatur" ref="http://d-nb.info/gnd/4035964-5"
						>Literatur</rs>. Die enge Bindung des dichterischen Worts an Religion und
					Folklore, die für die sorbische Lyrik bis in die Gegenwart kennzeichnend blieb
					(→ <rs type="term" key="Volksdichtung" ref="-">Volksdichtung</rs>, → <rs
						type="term" key="Kirchenlied" ref="http://d-nb.info/gnd/4120567-4"
						>Kirchenlied</rs>, → <rs type="term" key="Volksliteratur"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4135284-1">Volksliteratur</rs>), wurde im späten
					18. Jh. von <persName key="ed_zrt_y2j_d3b">Jurij Mjeń</persName> anhand einiger
					Übersetzungen aus <persName key="ed_jyw_p2n_23b">Friedrich Gottlieb
						Klopstocks</persName> „Messias“ durch den ästhetischen Eigenwert der Lyrik
					überwunden. Klassizistische Lyrik pflegten unter den evangelischen
					Theologiestudenten in <placeName key="ed_q3s_3h3_vhb">Leipzig</placeName> etwa
						<persName key="ed_mwc_v2n_23b">Handrij Ruška</persName> oder <persName
						key="ed_oz5_y2n_23b">Michał Hilbjenc</persName>. Den Übergang von der
					Aufklärung zur Romantik leitete die Lyrik von <persName key="ed_pkb_4bs_d3b"
						>Rudolf Mjeń </persName>ein, der das erhabene Dichtungsverständnis des
					Klassizismus auf volkstümliche Themen wie den bäuerlichen Jahreslauf ausweitete.
					Damit ging ein Perspektivenwechsel von der Außen- zur Innensicht auf die
					literaturfähigen Bereiche menschlichen Lebens einher.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Lyrik_01.jpg"/>Sorbische Fabeln von Handrij Zejler, 1855; Repro: Sorbische
					Zentralbibliothek am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die weltliche sorbische Lyrik erreichte in der Dichtung <persName key="ed_vkv_nwx_vhb"
						>Handrij Zejlers</persName>, der als Begründer der sorbischen Literatur
					gilt, einen ersten Höhepunkt. Zejler verstand sich in „Artikulation der neuen
					Lebensstimmung des aus sozialer und nationaler Hörigkeit erwachenden Volkes“
						(<persName key="ed_m45_hyz_whb">Kito Lorenc</persName>) als Volks-Dichter,
					dessen liedhafte – und vom Komponisten <persName key="ed_g3f_tdp_c3b">Korla
						Awgust Kocor</persName> häufig vertonte – Gedichte als Gebrauchstexte die
					sorbische Identität bestätigten. Der begabte, u. a. von <persName
						key="ed_s5q_2cl_d3b">Josef Dobrovský</persName> unterstützte Autor
					überschritt damit die sentimentalistische Elegiendichtung seiner Leipziger
					Kommilitonen <persName key="ed_ols_rfn_23b">Jan Łahoda</persName>, <persName
						key="ed_ypp_z5x_vhb">Hendrich Awgust Krygar</persName> oder <persName
						key="ed_art_vfn_23b">Korla Benjamin Hatas</persName> und setzte das
					nachmalige breite Wirkungspotenzial der Lyrik innerhalb der sorbischen Kultur
					frei. Diesem Beispiel folgend, etablierte sich in den 1840er Jahren in der
					Oberlausitz eine erste Dichtergeneration, aus der <persName key="ed_dbh_ngr_d3b"
						>Jan Wjela-Radyserb</persName> als der neben Zejler produktivste Poet vor
						<persName key="ed_ek4_jbp_c3b">Jakub Bart-Ćišinski</persName> herausragte.
					Von Wjela, der mit seinen Zeitgenossen die Begeisterung für die <rs type="term"
						key="Slawische Wechselseitigkeit" ref="-">slawische Wechselseitigkeit</rs>
					teilte, stammen einige bis heute populäre Balladen, die zum Aufbau eines stark
					mythologisch geprägten sorbischen Geschichtsbilds beitrugen und neben der kurzen
					Liedform auch längere, strophisch gegliederte Texte als gestalterische Option
					einführten.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Lyrik_02.jpg"
					/>Lyrikreihe „Serbska poezija“, herausgegeben von Kito Lorenc; Fotografin: Hana
					Schön, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die sorbsche <rs type="term" key="nationale Wiedergeburt"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4361398-6">nationale Wiedergeburt</rs> gipfelte
					1847 in der Gründung der wissenschaftlich-kulturellen Gesellschaft <rs
						type="term" key="Maćica Serbska/Maśica Serbska" ref="-">Maćica Serbska</rs>.
					Zugleich gelang um die Mitte des 19. Jh. die Etablierung eines stabilen
					Pressewesens (→ <rs type="term" key="Zeitung"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4067510-5">Zeitungen</rs>, → <rs type="term"
						key="Zeitschrift" ref="http://d-nb.info/gnd/4067488-5">Zeitschriften</rs>),
					sodass Lyrik nicht länger auf das Flugblatt oder die mündliche Verbreitung
					angewiesen war. Davon profitierte die nächste Dichtergeneration, in der etwa
						<persName key="ed_xvf_njv_c3b">Julius Eduard Wjelan</persName>, der auch aus
					dem Südslawischen übersetzte, zur versöhnlich-harmonischen Tonart die Satire
					hinzufügte. Daneben trat mit <persName key="ed_idk_5gn_23b">Herta
						Wićazec</persName> die erste sorbische Lyrikerin auf. Sie erkundete weniger
					den vertrauten Raum sinnlich wahrnehmbarer Diesseitigkeit als die subjektiv
					erfahrene Sphäre mystischer Transzendenz. Diese beachtliche Differenzierung
					sorbischer Lyrik wurde ab den 1850er Jahren von <persName key="ed_jd2_mx4_c3b"
						>Michał Hórnik</persName>, einer der Integrationsfiguren sorbischer Kultur,
					vertieft. Hervorhebung verdienen neben dem originalen Schaffen des vielseitigen
					Förderers und Vermittlers seine Übertragungen europäischer Lyrik. Über
					routinierte dichterische Praxis verfügten <persName key="ed_asb_hhn_23b">Korla
						Awgust Fiedler</persName>, <persName key="ed_y2r_hvx_vhb">Handrij
						Dučman</persName> und <persName key="ed_bmm_gt5_c3b">Jan Ćěsla</persName>;
					Letzterer hinterließ einige bemerkenswerte Balladen sowie modellbildende intime
					Lyrik. Von dem früh verstorbenen <persName key="ed_n4f_rhn_23b">Michał
						Bjedrich-Wjeleměr</persName> stammt ein melancholisch-elegisches lyrisches
					Werk.</p>
				<p>Die 1870er Jahre markierten in der sorbischen Kultur einen bis weit ins 20. Jh. nachwirkenden
					Wendepunkt, den ersten evolutionären Wechsel im literarischen System, der von
					Jakub Bart-Ćišinski herbeigeführt wurde. Sein ironisches Pseudonym („der
					Stille“) konterkarierte den Aufbruch der als <rs type="term"
						key="Jungsorbische Bewegung" ref="-">Jungsorbische Bewegung</rs>
					bezeichneten jungen Generation. In seiner eigenen Person vereinte Bart-Ćišinski
					kampfeslustige Selbstbehauptung mit parnassischem Formwillen. Gegen Zejlers
					Ästhetik der Identität setzte er eine international beachtete Ästhetik der
					Opposition, die selbst den damals führenden tschechischen Dichter <persName
						key="ed_vyn_rds_d3b">Jaroslav Vrchlický</persName> beeindruckte. Von
					volkstümlichen Liedern und Moritaten grenzte er sich durch eine an europäischen
					Maßstäben geschulte form- und stilbewusste Lyrik ab, wie die Vielzahl von
					Sonetten und anderen klassischen Genres seit den beiden ersten von insgesamt 13
					Gedichtbänden, „Kniha sonetow“ (Buch der Sonette, 1884) und „Formy“ (Formen,
					1888), bezeugt. Die Neubelebung und Weiterentwicklung sorbischer dichterischer
					Ausdrucksweisen durch Bart-Ćišinski, der sich als Hórniks einzig legitimen
					Nachfolger begriff, trug ihm zwar nicht die ungeteilte Zuneigung der Leser, aber
					doch den Rang als Klassiker der sorbischer Literatur ein.</p>
				<p>Was Bart-Ćišinski für die obersorbische Literatur leistete, gelang <persName
						key="ed_cks_s2j_d3b">Mato Kosyk</persName> in der niedersorbischen Lyrik,
					die wegen der ungleich schwierigeren Kommunikation mit ihrem Pendant auf Dauer
					nicht Schritt halten konnte. Kosyks dichterisches Werk erfasste die religiös
					überformte Natur der Niederlausitz sowie – nach seiner Emigration in die USA –
					nordamerikanischer Landschaften. Damit übernahm er nach den eindrucksvollen,
					aber lange unbekannt und deshalb ohne spürbaren Widerhall gebliebenen Dichtungen
						<persName key="ed_vvk_ccs_d3b">Kito Fryco Stempels</persName> eine
					wesentliche Funktion bei der Ausprägung einer niedersorbischen
					Literatursprache.</p>
				<p>Im 20. Jh. standen der sorbischen Lyrik mit Zejlers volkstümlicher und
					Bart-Ćišinskis moderner Dichtungskonzeption zwei wesentliche Varianten offen.
					Einen Zwischenweg beschritt <persName key="ed_jzs_qhr_d3b">Jan
						Lajnert</persName> mit seiner von der Lausitzer Heide inspirierten
					Naturdichtung. Bart-Ćišinskis pathetische Glorifizierung des Sorbentums als
					Widerstand gegen den nach 1871 wachsenden Germanisierungsdruck fand Nachahmer in
						<persName key="ed_zdy_f1k_d3b">Józef Nowak</persName>, der den Symbolvorrat
					von Mythos und Religion nutzte, und in <persName key="ed_lnz_rwj_d3b">Jan
						Skala</persName>, der politisch engagierter Rhetorik den Vorzug gab. Kosyks
					Werk erfuhr in der patriotisch funktionalisierten niedersorbischen Naturdichtung
					von <persName key="ed_ol1_5ck_d3b">Mina Witkojc</persName> eine konsequente
					Fortsetzung. Vereinzelt entstand – überwiegend volkstümlich orientierte –
					niedersorbische Lyrik auch nach Witkojc’ dichterischem Verstummen, so später aus
					der Feder von <persName key="ed_vnk_kyz_whb">Jurij Koch</persName> oder
						<persName key="ed_sjs_xdk_d3b">Christiana Piniekowa</persName> (Pseudonym
					Lenka).</p>
				<p>Stand die sorbische Lyrik insgesamt bis in die Zwischenkriegszeit in der Tradition eines
					romantischen Dichtungsverständnisses, so eröffnete erst <persName
						key="ed_ex1_1fs_d3b">Jakub Lorenc- Zalěski</persName> den Prozess der
					Aneignung symbolistischer Modelle. So integrierte er in seinen poetischen Roman
					„Kupa zabytych“ (1931, „Die Insel der Vergessenen“, 2000) eine Reihe von
					Gedichten, die mit den symbolischen Elementen der Handlung korrespondieren.
					Lorenc-Zalěskis modernistische Versuche wurden im schmalen, aber gewichtigen
					Œuvre <persName key="ed_a43_ygs_d3b">Jurij Chěžkas</persName> kurz vor Ausbruch
					des Zweiten Weltkriegs vollendet. Chěžka, dessen Vorbilder besonders im
					tschechischen Poetismus eines <persName key="ed_w2p_j3n_23b">Vítězslav
						Nezval</persName> zu suchen sind, verließ in Gedichten wie „Zelene Zet“
					(1937, „Das grüne Zet“, 1998) die vorherrschende referenzielle und meist
					konkrete Bestimmtheit des lyrischen Zeichens und erschloss eine für die
					sorbische Lyrik neue, abstrakte Bedeutungsebene. Damit vollzog er den
					unvollendet gebliebenen Übergang in die autonome Kunstkonzeption der
					Moderne.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Lyrik_03.jpg"/>Zweisprachige Edition der Dichtung von Jurij Chěžka,
					Domowina-Verlag 1971</p>
				<p>Eine Zäsur in der sorbischen Kulturgeschichte markierten das Kriegsende 1945 und der Aufbau
					von kulturellen Institutionen in den ersten Jahren der DDR. Chěžkas nach
					Maßstäben der frühen sozialistischen Ästhetik „formalistische“ Lyrik blieb dabei
					zunächst unbeachtet. Das literarische Feld besetzte <persName
						key="ed_q1p_jxz_whb">Jurij Brězan</persName>, dessen umfangreiches Werk
					(überwiegend Prosa) von drei Sammlungen Gebrauchslyrik im euphorischen Duktus
					der Nachkriegsjahre eröffnet wurde. Als schulmäßig im Wortsinn galt sein –
					später widerrufenes – staatsbürgerliches Bekenntnis zum Vaterland, das die
					unterdrückten Sorben in Ostdeutschland sehen sollten: das Poem „Kak wótčinu
					namakach“ (1950, „Wie ich mein Vaterland fand“, 1954). Mit einem
					deutschsprachigen Prosa- und Lyrikband bereitete Brězan zugleich den für die
					sorbische Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jh. konstitutiven Charakter der <rs
						type="term" key="Zweisprachigkeit" ref="http://d-nb.info/gnd/4068227-4"
						>Zweisprachigkeit</rs> vor. Seine Zeitgenossen, so <persName
						key="ed_oyn_hck_d3b">Jurij Wuješ</persName>, <persName key="ed_zdt_pwz_whb"
						>Jurij Winar</persName> (Pseudonym Jurk) oder <persName key="ed_dtn_rvx_vhb"
						>Jurij Młynk</persName>, verzichteten als Gelegenheitslyriker auf diese
					sprachliche Alternative.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Lyrik_04.jpg"/>Anthologie sorbischer Lyrik vom 16. Jh. bis zur Gegenwart,
					Verlag Das Wunderhorn 2004</p>
				<p>Fiel mit Bart-Ćišinskis Debütbänden ein erster evolutionärer Wechsel in die 1880er Jahre, so
					kann der zweite auf die 1960er Jahre datiert werden, in denen mit Kito Lorenc
					der bedeutendste sorbische Lyriker des 20. Jh. die Abkehr von der
					sozialistischen Spielart der Lyrik betrieb. Angeregt von <persName
						key="ed_uwd_y3n_23b">Johannes Bobrowskis</persName> poetischer Erkundung der
					Koexistenz unterschiedlicher Nationalkulturen im „sarmatischen Raum“ des
					deutschen Ostens, erkundete Lorenc, mustergültig mit „Struga“ (1967), als Erster
					die sorbisch-deutschen kulturellen Beziehungen auf sprachlicher und thematischer
					Ebene und begriff sie als Chance für einen ästhetischen Neubeginn. Für Lorenc
					trat der sprachkritische Aspekt solcher Dichtungspraxis ab den 1980er Jahren in
					den Vordergrund. Gegen die ideologisch beherrschte öffentliche Sprache setzte er
					das subversive Sprachspiel, das durch seine Mobilität im zweisprachigen
					Zeichenraum an Substanz gewann. Mit dieser flexiblen Poetik wurde er zum Pionier
					einer kreativen Umdeutung von Verspätung und Unvollständigkeit in der
					Entwicklung kleiner Literaturen.</p>
				<p>Lorenc leitete in den 1970er Jahren einen Zirkel junger Autoren (→ <rs
						type="term" key="Schriftstellervereinigung" ref="-"
						>Schriftstellervereinigungen</rs>), deren Schaffen die sorbische Lyrik bis
					in die 1990er Jahre hinein prägte. Während <persName key="ed_bgq_dxz_whb">Beno
						Budar</persName> geschickt die Zejler’sche Tradition der schlichten Form
					aufnahm, setzte <persName key="ed_dt5_t3s_d3b">Benedikt Dyrlich</persName> auf
					die dynamisierende Wirkung des Appells in Nachfolge Bart-Ćišinskis, dessen
					Experimentierfreudigkeit er nachvollzog. Thematisch konzentrierte sich diese
					ebenfalls zweisprachige Lyrik auf Gesellschaftskritik, die nach dem Ende der DDR
					konsequent in politische und mediale Beteiligung am öffentlichen Leben
					mündete.</p>
				<p><graphic url="http://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/06/SKL-Lyrik_05-1.jpg"/>Lyrik von Kito Lorenc, ausgewählt von Peter Handke, Suhrkamp Verlag 2013 </p>
				<p>Im tendenziell apolitischen Bereich der Ästhetik verblieb neben <persName
						key="ed_xcx_q3s_d3b">Marja Krawcec</persName>, die an einem einsprachigen
					lyrischen Minimalismus arbeitete, namentlich <persName key="ed_akb_zck_d3b">Róža
						Domašcyna</persName>, deren Lyrik die Erschütterungen der deutschen
					Wiedervereinigung in einen intensiven Dialog mit den Nachbarkulturen überführte.
					Domašcynas dezidiert weibliche Sicht- und Schreibweise verknüpfte das Naturthema
					mit der für die sorbische Kultur existenzbedrohenden Devastierung der Lausitzer
					Landschaft durch den <rs type="term" key="Braunkohlebergbau"
						ref="http://d-nb.info/gnd/4131791-9">Braunkohlenbergbau</rs> sowie mit
					innovativen erotischen Metaphern. Sprachlich z. T. an Chěžkas Poetik
					anschließend, erkundete sie sorbisch-deutsche Interferenzen und verborgene
					Bedeutungspotenziale bis hin zu Versuchen mit einer „Drittsprache“, in der
					Elemente aus Sorbisch und Deutsch zu einem „Wortall“ verschmolzen wurden. Der
					experimentell-spielerische Umgang mit der sprachlichen Realität prägte
					zahlreiche Gedichte. Die Emanzipation lyrischer Sprachverwendung in Form von
					heiterer Eleganz erreichte bei Domašcyna, die auch ins Sorbische nachdichtet,
					einen weiteren Höhepunkt. Eigene Wege schlugen <persName key="ed_jcz_1js_d3b"
						>Měrana Cušcyna</persName>, <persName key="ed_clt_kjs_d3b">Pětr
						Thiemann</persName>, <persName key="ed_vwz_djs_d3b">Timo Meškank</persName>
					oder <persName key="ed_y5g_jdk_d3b">Lubina Hajduk-Veljkovićowa</persName> ein.
					Generell ist seit den 1990er Jahren ein hoher Anteil von Frauen an der
					Lyrikproduktion festzustellen. Die Literatur dürfte, wie in den Jahrhunderten
					zuvor, gegenwärtig die verlässlichste Zeugin des sprachlichen und ideellen
					Reichtums sorbischer Kultur sein.</p>
				<p>Lit.: A. Černý: Stawizny basnistwa łužiskich Serbow, Budyšin 1910; Serbska
					čitanka/Sorbisches Lesebuch, Hg. K. Lorenc, Leipzig 1981; Ch. Piniekowa: Lyrika,
					in: Přinoški k stawiznam serbskeho pismowstwa 1945–1990, Red. M. Völkel, Budyšin
					1994; Ch. Prunitsch: Sorbische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zur
					Evolution der Gattung, Bautzen 2001; Das Meer, die Insel, das Schiff. Sorbische
					Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart, Hg. K. Lorenc, Heidelberg 2004.</p>
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