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				<title>Wirtschaft</title>
				<title xml:lang="deu">Wirtschaft</title>
				<title xml:lang="hsb">Hospodarstwo</title>
				<title xml:lang="dsb">Góspodaŕstwo</title>
				<title xml:lang="eng">Economy</title>
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					<persName key="ed_rr4_n31_jmb">Hartstock, Erhard (1939-)</persName>
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				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
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				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
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					<term key="Braunkohleindustrie">Braunkohleindustrie</term>
					<term key="Energiewirtschaft">Energiewirtschaft</term>
					<term key="Gewerbe">Gewerbe</term>
					<term key="Glasindustrie">Glasindustrie</term>
					<term key="Gutswirtschaft">Gutswirtschaft</term>
					<term key="Handel">Handel</term>
					<term key="Landwirtschaft">Landwirtschaft</term>
					<term key="Textilgewerbe">Textilgewerbe</term>
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				<p>Entwicklung, Einrichtungen und Maßnahmen, die der Bevölkerung auch der
					zweisprachigen Lausitz zur Befriedigung ihres Bedarfs an Gütern und
					Dienstleistungen dienen.</p>
				<p>Von der Landnahme in der <rs type="term" key="Oberlausitz">Ober</rs>- und <rs
						type="term" key="Niederlausitz">Niederlausitz</rs> ab 600 bis zur
					politischen <rs type="term" key="Unterwerfung">Unterwerfung</rs> Mitte des 10.
					Jh. entfalteten die elbslawischen Stämme bereits ein eigenständiges
					Wirtschaftsleben; dies vollzog sich zwischen Gentilordnung und frühfeudalen
					Gesellschaftsformen.</p>
				<p>Durch Nutzung vorhandener Grünlandareale und Waldrodung zur Gewinnung von
					Ackerflächen schufen sie die Voraussetzungen für Ackerbau und Viehzucht als
					Hauptzweige der Landwirtschaft. Umfangreiche Keramikfunde in den zahlreichen <rs
						type="term" key="Burgwall">Burgwällen</rs> und Siedlungen dokumentieren eine
					frühe handwerkliche Produktion und ihre permanente Weiterentwicklung.
					Archäologische Funde und erste schriftliche Quellen belegen neben dem Gebrauch
					hölzerner und eiserner Pflugscharen, Sicheln und Mühlsteine den Anbau von
					Roggen, Weizen, Gerste, Hirse und Lein sowie die Nutzung von Pferd, Rind,
					Schwein, Schaf, Ziege, Gans und Huhn. Gegen Ende der Periode kamen
					Gartenkulturen wie Bohnen, Erbsen, Möhren, Mohn und Hanf hinzu, die für den
					Eigenbedarf der einzelnen Familien angepflanzt wurden.</p>
				<p><graphic url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_01.jpg"/>Illustration der Flachsverarbeitung und Tuchproduktion in der
					Schreiber-Karte der Oberlausitz, 1732</p>
				<p>Von großer Bedeutung war die Verarbeitung von Leinfasern zu Flachs, der neben
					Wolle durch Verspinnen zu Garn als Ausgangsbasis zur Textilherstellung und
					Anfertigung von Bekleidung diente. Webstein, Webgewichte und Spinnwirteln
					gehörten zur Ausstattung der Siedlungen. Die Ackerbau und Viehzucht treibende
					Bevölkerung stellte die benötigten Gebrauchsgüter überwiegend in Eigenproduktion
					her. In den Burgwardzentren erfolgten erste handwerkliche Spezialisierungen
					durch Arbeitsteilung. Fischfang, Jagd und <rs type="term" key="Imkerei"
						>Bienenzucht</rs> ergänzten das Wirtschaftsleben.</p>
				<p>Im selben Zeitraum entwickelten sich <rs type="term" key="Handwerk">Handwerk</rs>, Gewerbe
					und Handel. Die Töpferei hatte in den frühen slawischen Gemeinschaften eine
					lange Tradition, denn diese nutzten bereits die Töpferscheibe. Das
					Schmiedehandwerk beherrschte die Eisengewinnung aus Raseneisenerz zur
					Herstellung von Produktionsinstrumenten, Eisengeräten und Waffen. Allgemein
					geläufig war die Ausführung von Zimmerer-, Böttcher-, Drechsler- und
					Stellmacherarbeiten als Basis für die holzbearbeitenden und -verarbeitenden
					Berufe, die alle noch im Familienverband erledigt wurden. Gegen Ende des 9. Jh.
					waren wichtige Bedingungen für eine arbeitsteilige Wirtschaft geschaffen. Aus
					dem gleichen Zeitraum bezeugen Hacksilberfunde (z. B. bei <placeName
						key="ed_rgn_nkh_vhb">Cortnitz</placeName>, <placeName key="ed_m5f_sw3_vhb"
						>Schmochtitz</placeName>) den wachsenden Fernhandel der sorbischen Stämme in
					das Donaugebiet, bis Arabien, Byzanz, nach Skandinavien und Westeuropa.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_02.jpg"
					/>Einzug der Dreschmaschine in Groß Partwitz, um 1916; Sorbisches Kulturarchiv
					am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die politische Unterwerfung der sorbischen Stämme und die Eliminierung ihrer
					Adelsschicht bedeutete für die Wirtschaft der autochthonen Bevölkerung eine
					entscheidende Zäsur. Bis zum 16. Jh. erreichte auch in der Lausitz die feudale
					Gesellschaftsordnung ihre Hochform, zeigte aber einige Besonderheiten. Über die
					Jahrhunderte bildete primär die Landwirtschaft die Existenzgrundlage der Sorben.
					Insbesondere der niedere deutsche Adel brachte rechtliche, wirtschaftliche und
					kulturelle Erfahrungen mit, die auf die Slawen nur bedingt übertragen wurden. Im
					Wechselspiel der Kräfte setzte sich bis Ende des 12. Jh. die Feudalordnung auch
					ordnungspolitisch durch. Spätestens mit der Ansiedlung deutscher Bauern mussten
					im sorbischen Territorium die dörflichen Besitzstrukturen, sofern noch nicht
					geschehen, neu geregelt werden (→ <rs type="term" key="Kolonisation"
						>Kolonisation</rs>). Die zugezogenen Deutschen wurden mit einer Landfläche
					(Hufe) ausgestattet, die zur Versorgung einer Mehrgenerationenfamilie ausreichte
					und überdies die Abführung von Getreide, Vieh, Geflügel, Honig und zunehmend
					Geld an die Herrschaft ermöglichte.</p>
				<p>Die Größe der Hofstätten schwankte zum einen nach den hergebrachten Gewohnheiten (flämische,
					fränkische, deutsche Hufe) und zum anderen nach der natürlichen Ertragsfähigkeit
					der Böden (Lößlehmböden, Heide, <rs type="term" key="Spreewald">Spreewald</rs>,
					Mittelgebirgslagen). Wie die Quellen belegen, war in den sorbischen Orten der
					bäuerliche Besitz ebenso organisiert. Parallel zum Landesausbau entstanden in
					der Ober- und Niederlausitz zahlreiche, bis mehrere 100 km2 große
					Adelsherrschaften, deren Verwaltungszentren seit dem 12. Jh. immer mehr
					städtischen Charakter annahmen und für die Entwicklung einer arbeitsteiligen
					Wirtschaft sorgten. Um Mitte des 13. Jh. erlangte die Mehrzahl dieser
					Ansiedlungen das Stadtrecht. Einige wurden landesherrlich, so die größeren
					Städte in der Oberlausitz, <rs type="term" key="Cottbus">Cottbus</rs> und
						<placeName key="ed_xgh_c13_vhb">Guben</placeName> in der Niederlausitz,
					während die Masse der Landstädtchen bis zur Ablösung im Besitz der
					Grundherrschaften verblieb.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_03.jpg"
					/>Binden von Garben und Aufstellen von Kornpuppen, um 1954; Fotograf: Kurt
					Heine, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die Beschränkung des Handwerks auf die Städte und die Ausstattung der großen
					Kommunen mit Marktgerechtigkeit, Weichbildrecht und Bannmeile beförderten
					während der Feudalzeit den Warenaustausch und die Arbeitsteilung. Dadurch wurde
					die Ansiedlung einer Vielfalt von Gewerben auf dem Lande weitgehend
					ausgeschlossen. Das betraf sorbische, deutsche und gemischtnationale Gebiete
					gleichermaßen. Der Beitrag der beiden Bevölkerungsgruppen zum
					gesamtwirtschaftlichen Ergebnis entsprach ihrem Anteil. In den vom deutschen
					Bürgertum begründeten und verwalteten, direkt dem König unterstehenden Städten
					erlangten die Sorben nur beschränkt Zugang und Aufnahme in die Zünfte (→ <rs
						type="term" key="Zunftordnung">Zunftordnungen</rs>). In den kleinen
					Landstädten war die handwerklich-gewerbliche Produktion auf die Versorgung des
					umliegenden Herrschaftsbereichs beschränkt, weshalb ihre Einwohnerzahl oft unter
					1 000 blieb. In den im Oberlausitzer Sechsstädtebund 1346 vereinigten Städten
						<rs type="term" key="Bautzen">Bautzen</rs>, <placeName key="ed_ic5_gc3_vhb"
						>Kamenz</placeName>, <placeName key="ed_xdn_3m3_vhb">Löbau</placeName>,
						<placeName key="ed_hpp_x2j_vhb">Zittau</placeName>, <placeName
						key="ed_oy3_tg3_vhb">Lauban</placeName> und <placeName key="ed_lhp_gwh_vhb"
						>Görlitz</placeName> sowie in den niederlausitzischen Städten <placeName
						key="ed_oyh_pkh_vhb">Cottbus</placeName>, Guben, <placeName
						key="ed_dlg_y5h_vhb">Finsterwalde</placeName>, <placeName
						key="ed_pgy_1vh_vhb">Forst</placeName> und <placeName key="ed_bzp_xy3_vhb"
						>Spremberg</placeName> siedelte sich frühzeitig ein leistungsfähiges
					Tuchmacherhandwerk an, dessen umfangreiche Produktion nur im Fernhandel
					abgesetzt werden konnte. (Von der Bedeutung der Tuchherstellung bei den Slawen
					zeugt das Verb obersorb. <ex>płaćić</ex>, niedersorb. <ex>płaśiś</ex>
					,bezahlen‘, schon im Urslawischen abgeleitet von *<ex>platъ</ex> ,Tuchstück,
					Leinwand‘; Tuch wurde früher als Zahlungsmittel verwendet.) Durch Tuch- und
					Waidhandel erlangte die städtische Kaufmannschaft politische und ökonomische
					Macht, Ansehen und Wohlstand. Nutznießer der Tuchproduktion waren aber auch die
					Landbevölkerung, die Herrschaften als Wolleproduzenten und die Bauernfamilien
					als Garnhersteller in Nebenbeschäftigung.</p>
				<p>Unterschiedliche Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der
					sorbischen und deutschen Bevölkerung hatte die Tatsache, dass die Lausitz nie
					Herrschaftsterritorium eines Landesherrn vor Ort war. Selbst als sie ab 1370 als
					Nebenland zur böhmischen Krone gehörte, erfolgte weiterhin eine separate
					Verwaltung der späteren zwei Markgraftümer, weshalb die wirtschaftliche
					Verflechtung beider kaum voranschritt. Während die Oberlausitz seit 1089 mit
					Ausnahme eines längeren Intervalls geschlossen bei Böhmen verblieb, litt die
					Bevölkerung der Niederlausitz unter der Vielzahl ihrer Landesherren. In der
					Oberlausitz förderten und begünstigten besonders die böhmischen Regenten bis zum
					Übergang ihrer Krone auf das Haus Habsburg (1526) die Städte als Horte
					frühbürgerlicher Entwicklung.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_06.jpg"
					/>Im Jahr 1550 gegründetes Eisenhüttenwerk in Peitz, 1977; Fotograf: Gerhard
					Joppich, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Ein stetes Bevölkerungswachstum auf dem Lande und die Erschöpfung der nutzbaren
					Rodungsflächen führten in beiden Lausitzen ab Mitte des 14. Jh. zur
					Besitzdifferenzierung der Bauernwirtschaften. Selbst wenn Inhaber bestrebt
					waren, die Zerstückelung der Hufe zu verhindern, kamen sie nicht umhin, die
					erbberechtigten Kinder mit einer Mindestfläche zur Lebensabsicherung
					auszustatten. Sowohl in den deutschen als auch den sorbischen Dörfern entstanden
					nun unterbäuerliche Schichten – Gärtner, Kossäten, Häusler –, deren Existenz von
					der Verfügbarkeit der Lohnarbeit abhing. Der Zuzug vom Land in die Städte war
					äußerst begrenzt.</p>
				<p>Die Agrarkrise im westlichen Europa, die seit Mitte des 14. Jh. vom Verfall der
					Getreidepreise begleitet war, erfasste nach 1450 auch die Lausitz. Betroffen
					waren die Landadligen, von denen einige wegen völliger Überschuldung im
					Raubrittertum die letzte Rettung sahen, aber auch die Bauernschaft, deren
					Einnahmen in ein wachsendes Missverhältnis zu den steigenden Abgaben und Preisen
					für gewerbliche Erzeugnisse sowie den Löhnen gerieten. Unter dem Druck der
					Verhältnisse zerfielen in der Oberlausitz bis zur Mitte des 16. Jh. bis auf
					wenige Ausnahmen alle Adelsherrschaften in mehrere Hundert Rittersitze. In der
					Niederlausitz blieb eine größere Anzahl von Grundherrschaften bestehen, doch
					auch hier nahmen die Gutsherrschaften und die zweite <rs type="term"
						key="Leibeigenschaft">Leibeigenschaft</rs> nun ihren Anfang.</p>
				<p>Die ostelbische Gutsherrschaft war mit einschneidenden ökonomischen Veränderungen
					verbunden. Auf den großen Gütern hatte sich die Bewirtschaftung der teils
					riesigen Waldflächen und der Gewässer auf Basis von Lohnarbeit durchgesetzt. Der
					übrige Boden befand sich in vorwiegend bäuerlicher Nutzung. Die Inhaber der
					kleinen Adels- oder Rittersitze entzogen ihren Untertanen einen Großteil der
					Äcker, Wiesen und Weiden und arrondierten diese zum selbst bewirtschafteten
					Mundgut. Wald und Gewässer waren ohnehin bei ihnen verblieben.</p>
				<p>Nach Mitte des 16. Jh., in der Oberlausitz konkret nach dem Pönfall der
					Sechsstädte 1547, konsolidierten sich die Gutswirtschaften. Bis dahin konnte das
					Bürgertum im eigenen ökonomischen Interesse auch die Bauern außerhalb des
					städtischen Landbesitzes vor übermäßiger Belastung schützen. Die Masse der
					ländlichen Untertanen aber wurde nun zur Bearbeitung der Rittergüter teils durch
					definierte, in der Regel aber durch „ungemessene“, d. h. in der Praxis tägliche
					Frondienste gezwungen (→ <rs type="term" key="Roboten">Roboten</rs>). Während
					die noch intakten Bauernstellen (Hüfner, Halbhüfner, Bauern, Halbbauern,
					Pferdner u. ä.) Dienste mit einem Pferdegespann zu verrichten hatten, waren die
					Gartennahrungsbesitzer, Kossäten und Häusler verpflichtet, Handarbeiten auf dem
					Feld, im Wald und in der Scheune nach Bedarf auszuführen. In der Regel stellten
					die Herrschaften weder Kost für die Menschen noch Futter für die Zugtiere. Die
					herrschaftliche Viehwirtschaft mit Ausnahme der Schafzucht wurde durch
					Zwangsgesinde sowie angemietete Knechte und Mägde versehen. Anstelle der
					produktiven Lohnarbeit setzte sich die Fronarbeit in der Landwirtschaft
					durch.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_07.jpg"
					/>Gurkenernte im Spreewald, 1964; Fotograf: Gerhard Joppich, Sorbisches
					Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Noch während des <rs type="term" key="Dreißigjähriger Krieg">Dreißigjährigen
						Kriegs</rs> und lange danach erfolgte ein lebhafter Ausbau der
					Gutsherrschaft durch die Einverleibung wüster bäuerlicher Anwesen bzw. durch
					„Bauernlegen“ (Enteignung von bewirtschafteten Bauernhöfen). Gleichzeitig
					stagnierten bzw. sanken die Erträge wegen der nachlassenden Bodenfruchtbarkeit
					und unzureichenden Bodenbearbeitung, wovon namentlich die Heidegebiete betroffen
					waren, in denen die sorbische Bevölkerung die Mehrheit bildete. Der Rückgang der
					Bauernstellen führte zu einer weiteren Belastung mit Gespanndiensten. Zugleich
					verminderten Kriege sowie die stete Erhöhung von Steuern, Abgaben und Zinsen die
					Einkommen der Bauern und Gärtner bis an die Grenze der Belastbarkeit. Mitte des
					18. Jh. erwies sich das auf Fronarbeit basierende Feudalsystem endgültig als
					unproduktiv. Durch die Erbuntertänigkeit und den Einsatz der Bauern- und
					Häuslerkinder als Zwangsgesinde wurde es für die unterste soziale Schicht auf
					dem Dorf immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt durch Lohnarbeit zu
					verdienen.</p>
				<p>Der stete Kaufkraftschwund auf dem Lande, namentlich die Verschuldung infolge des
					Siebenjährigen Kriegs, beschränkte die Anzahl der Meister und Gesellen im
					zunftgebundenen Handwerk der Lausitzer Städte, die bis ins erste Drittel des 19.
					Jh. ihre Einwohnerzahlen vom Ende des 15. Jh. nicht wieder erreichten. Nach 1763
					versuchten die großen Herrschaften und die Rittergüter verstärkt, die Minderung
					ihrer Einnahmen aus der Land- bzw. Waldwirtschaft durch gewerbliche
					Nebenproduktion und „Veredlung“ der Erzeugnisse mittels Bierbrauerei,
					Schnapsbrennerei sowie den Betrieb von Kalköfen, Ziegeleien u. a. zu
					kompensieren.</p>
				<p>Im Süden der Oberlausitz siedelten nach 1650 die Stadträte von Lauban, Zittau und
					Löbau, die <rs type="term" key="Kloster">Klöster</rs> St. Marienstern
						(<placeName key="ed_b4b_zr3_vhb">Panschwitz-Kuckau</placeName>) und St.
					Marienthal (<placeName key="ed_izy_sr3_vhb">Ostritz</placeName>), das <rs
						type="term" key="Domstift">Domstift</rs> St. Petri in <placeName
						key="ed_xwx_lgh_vhb">Bautzen</placeName> und zahlreiche Rittergüter in einem
					Streifen vom Queis bis an die Pulsnitz Leine- und Bandweber nebst zugehöriger
					Gewerke an. Schon Mitte des 18. Jh. erreichte die Leinwandfertigung einen
					Umfang, der nur auf internationalen Märkten Absatz finden konnte. Der große
					Rohstoffbedarf, insbesondere bei Flachs, kam den Gutsherrschaften sowie den
					Bauern zugute, konnte aber von beiden Markgraftümern nicht gedeckt werden. Die
					bäuerliche Bevölkerung in den Gutsdörfern war in den Wintermonaten verpflichtet,
					im Rahmen der Handdienste Leinen- und Wollgarne unentgeltlich zu spinnen, die
					von den Herrschaften an Garnsammler veräußert wurden (→ <rs type="term"
						key="Spinnstube">Spinnstube</rs>).</p>
				<p>Nach den Befreiungskriegen wurde auf dem <placeName key="ed_ozp_b2j_vhb"
						>Wiener</placeName> Kongress 1815 die gesamte Niederlausitz und der
					nordöstliche Teil der Oberlausitz Preußen zugesprochen. Für die wirtschaftliche
					Entwicklung der vom Königreich Sachsen abgetrennten Gebiete ergaben sich daraus
					tief reichende Konsequenzen. Der Vollzug der Stein-Hardenberg’schen Reformen in
					Preußen ab 1822 eröffnete zwar früher den Weg in die bürgerliche Gesellschaft
					als in Sachsen, er war aber inkonsequenter und beschwerlicher. Gerade die
					Agrarreform veränderte die Besitzverhältnisse und damit die Wirtschaftsstruktur.
					Wurde die Leibeigenschaft noch unentgeltlich aufgehoben, so konnten sich bis
					1848/49 nur jene Bauern und Gärtner, deren Wirtschaften „ihren Inhaber als
					selbstständigen Ackerwirt zu ernähren“ vermochten, von den Feudalverpflichtungen
					loskaufen.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_04.jpg"
					/>Sorbische Landwirtschaftsschule in Crostwitz, um 1952; Fotograf: Kurt Heine,
					Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Die kapitalistische Ordnung entfesselte sowohl in der deutschen wie in der
					sorbischen Bevölkerung produktive Kräfte und Fähigkeiten. Die um 1830 im
					sächsischen Teil der Oberlausitz einsetzende <rs type="term"
						key="Industrialisierung">Industrialisierung</rs> zwang zu einem gründlichen
					Strukturwandel in der Wirtschaft. Innerhalb von etwa sieben Jahrzehnten erfolgte
					in der gesamten Lausitz der Übergang von der handwerklich-gewerblichen,
					zunftgebundenen Fertigung zur industriell-fabrikmäßigen Massenproduktion unter
					marktwirtschaftlichen Bedingungen. Mit Ausnahme der Schwerindustrie siedelten
					sich hier alle Branchen an, wobei Textilproduktion, Maschinenbau,
					Schienenfahrzeugbau, Glasherstellung, Braunkohlenbergbau und Stromerzeugung
					gewichtige Produktionsumfänge erreichten. Zehntausende bis dahin in der sog.
					Heimindustrie tätige selbstständige Meister mussten sich als freie Lohnarbeiter
					in den Fabriken verdingen. Im sorbischen Gebiet waren davon überwiegend die
					produzierenden Gewerbe (Handwerk) in den Städten des Mittel- und Niederlausitzer
					Raums betroffen. Insbesondere die Oberlausitz profitierte von der frühzeitigen
					Anbindung an das Eisenbahnnetz. So konnten sich trotz geringer Rohstoffvorkommen
					neue Industriezweige ansiedeln, weil ein großes Arbeitskräftepotenzial zur
					Verfügung stand.</p>
				<p>Die Landwirtschaft erfuhr erhebliche Veränderungen. Die großen Herrschaften und die
					Rittergüter konnten ihre Areale nur mit Lohnarbeit bestellen, wobei
					Gesindeordnungen viele feudalzeitliche Relikte im Umgang mit weiblichen und
					männlichen Arbeitskräften konservierten. Die großen Anstrengungen zur
					Ertragssteigerung erbrachten besonders im Heidegebiet nicht den erhofften
					Produktivitätszuwachs, der die sinkenden Weltmarktpreise für agrarische
					Erzeugnisse hätte ausgleichen können. Der von Gutsbesitzern und Großbauern
					beklagte Arbeitskräftemangel wegen höherer Löhne in der Industrie war hingegen
					größtenteils selbstverschuldet, weil man das bis dahin extrem niedrige
					Lohnniveau auf Dauer beizubehalten suchte.</p>
				<p>Nach der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 und der Reichseinigung 1871 kam
					es zwischen dem sächsischen und dem preußischen Teil der Oberlausitz sowie
					zwischen beiden Lausitzen jeweils zur raschen Ausweitung der
					Wirtschaftskooperation. Die zweite Phase der Industrialisierung blieb jedoch in
					der Mittel- und Niederlausitz bis zur Jahrhundertwende fast ganz auf einzelne
					Städte und Siedlungen beschränkt. Im West- und Südteil der Oberlausitz erfolgte
					eine Flächenindustrialisierung; mit Ausnahme der Schwerindustrie siedelten sich
					in diesem Raum alle Gewerbezweige vornehmlich auf dem Lande an. Zwischen 1882
					und 1907 erhöhte sich in der Oberlausitz die Zahl der Arbeiter und Angestellten
					in Fabriken und Gewerben um ca. 240 %, während die Zahl der Beschäftigten in der
					Landwirtschaft lausitzweit rückläufig war. Die Industrialisierung führte hier zu
					einem nie dagewesenen Lohnanstieg und damit zu einem tief greifenden Wandel in
					den Vermögensverhältnissen. In jenen Jahren stieg der Anteil der Löhne und
					Gehälter am Gesamteinkommen der Bevölkerung von 28 auf 52 %, während sich die
					Einnahmen aus der Landwirtschaft real verminderten. Der immense Lohnfonds
					sicherte eine hohe Kaufkraft und stabilisierte in Krisenzeiten Landwirtschaft,
					Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe. Ab 1830 setzten Unternehmer, Händler
					und Landwirte zunehmend auf die Nutzung von Wissenschaft und Technik zur
					Stärkung der wirtschaftlichen Innovationskraft.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_05.jpg"
					/>Kraftwerk Lübbenau, 1961; Fotograf: Erich Rinka, Sorbisches Kulturarchiv am
					Sorbischen Institut</p>
				<p>Der Erste Weltkrieg beendete abrupt die erfolgreichste Entwicklungsperiode der Lausitzer
					Wirtschaft, die sich nun in fast allen Bereichen den kriegswirtschaftlichen
					Vorgaben zu unterwerfen hatte. Die geopolitischen, materiellen und finanziellen
					Folgen der Niederlage Deutschlands, dazu Revolution, Inflation,
					Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit unterbrachen immer wieder die
					Versuche, an die alte Leistungskraft anzuknüpfen. Infolge des Plebiszits in
					Oberschlesien vom Mai 1921 wurden 90 der dortigen Steinkohlenvorräte sowie die
					Schwerindustrie Polen zugeschlagen. In der Lausitz mussten daher binnen
					kürzester Zeit die Braunkohlenvorkommen zur Deckung des eigenen Energiebedarfs
					und zur Versorgung des <placeName key="ed_cc4_1hh_vhb"
					>Berlin</placeName>-Brandenburger Raums erschlossen werden. Dadurch veränderten
					sich vor allem in der Mittellausitz die Wirtschaftsstruktur und die ethnische
					Zusammensetzung der Bevölkerung. Der Ausbau der Energiewirtschaft stützte zwar
					die Einkommen, konnte jedoch nur durch die Zuführung auswärtiger Arbeitskräfte
					gesichert werden (→ <rs type="term" key="Assimilation">Assimilation</rs>, → <rs
						type="term" key="Braunkohlebergbau">Braunkohlenbergbau</rs>).</p>
				<p>Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 weiteten sich die
					ordnungspolitischen Eingriffe des Staates auf Landwirtschaft, Industrie,
					Handwerk, Handel und Gewerbe gravierend aus. Wie alle anderen Bereiche der
					Gesellschaft wurde die Wirtschaft für die Vorbereitung und Führung des Kriegs
					bis zum totalen Zusammenbruch im Mai 1945 missbraucht. Die Spaltung Deutschlands
					in zwei Teile und deren Einbindung in zwei sich diametral gegenüberstehende
					Blöcke bewirkte nach 1945 die Ausbildung von zwei Volkswirtschaften. Die
					Lausitz, die ihr Territorium rechts der Neiße an Polen verlor, konnte nicht mehr
					an die altbewährten Wirtschaftsbeziehungen anschließen. Gesellschaftsprägende
					Eingriffe in die Eigentums- und Besitzverhältnisse wie Bodenreform, Enteignung
					der Banken und Wirtschaftsbetriebe von Nazi- und Kriegsverbrechern, die
					Überführung der Landwirtschaft und des Handwerks in kollektive Produktionsformen
					und schließlich die Übernahme der mittelständischen und kleinen Betriebe in den
					volkseigenen Sektor unterbanden die Privatinitiative fast völlig und setzten der
					Vermögensbildung enge Grenzen.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_08.jpg"
					/>Lausitzer Seenland, 2008; Fotograf: Peter Radke, Lausitzer und Mitteldeutsche
					Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH</p>
				<p>Die überdurchschnittlich industrialisierte Lausitz hatte infolge der teilungsbedingten
					Disproportionen im Osten eine besondere wirtschaftliche Verantwortung zu tragen.
					In der <rs type="term" key="DDR-Zeit">DDR-Zeit</rs> wurden Energiewirtschaft,
					Textilindustrie, Glasherstellung, Schienenfahrzeugbau und andere Bereiche zu
					großen Produktionseinheiten (Kombinaten) zusammengefasst und
					arbeitskräfteintensiv erweitert. Die aus dem Zustrom von Flüchtlingen und
					Vertriebenen resultierenden Auswirkungen auf die ethnische Zusammensetzung der
					Region konnten durch staatliche Förderung der sorbischen Minderheit abgeschwächt
					werden.</p>
				<p>Nach der Wiedervereinigung 1990 machten die Überproduktionskapazitäten in den
					alten Bundesländern, in den EU-Ländern sowie auf dem Weltmarkt fast die gesamte,
					wenig produktive Industrie im Beitrittsgebiet überflüssig. Ganze
					Industriezweige, z. B. die Textil- und Glasindustrie, die wegen hoher Lohnkosten
					anderswo längst ins Ausland abgewandert waren, wurden in der Lausitz in
					kürzester Zeit weitgehend abgewickelt. Andere Zweige schrumpften bis auf die
					Herstellung von Nischenprodukten zusammen. Lediglich die groß dimensionierten
					landwirtschaftlichen Betriebe konnten sich dank einer Produktivitätssteigerung
					erfolgreich dem Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt stellen. Die
					Braunkohlenförderung im Lausitzer Revier beträgt weiterhin rund ein Drittel der
					Jahresförderung in Deutschland. </p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Wirtschaft_09-scaled.jpg"
					/>Glaspyramidenverkaufhaus Cristalica Kingdom in Döbern, 2020; Fotografin: Anja
					Pohontsch, Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Erste Erfahrungen mit dem Fremdenverkehr als Wirtschaftszweig wurden Ende des 19.
					Jh. im Spreewald gemacht, der von der Nähe zu Berlin profitierte und bis heute
					ein beliebtes Naherholungsgebiet darstellt. Hohe Erwartungen knüpfen sich
					derzeit an die Entwicklung des Tourismus im Gebiet des „Lausitzer Seenlands“,
					das durch die Flutung früherer Tagebaue entsteht und sich über 20 künstlich
					geschaffene, teilweise durch schiffbare Kanäle verbundene Seen zwischen
						<placeName key="ed_wq5_3yh_vhb">Großräschen</placeName>, <placeName
						key="ed_tt5_2y3_vhb">Senftenberg</placeName>, <placeName
						key="ed_wkb_qb3_vhb">Hoyerswerda</placeName> und <placeName
						key="ed_tcs_yhh_vhb">Boxberg</placeName> erstreckt.</p>
				<p>Lit.: J. Brankačk: Studien zur Wirtschaft und Sozialstruktur der Westslawen
					zwischen Elbe/Saale und Oder aus der Zeit vom 9. bis zum 12. Jahrhundert,
					Bautzen 1964; J. Brankačk: Landbevölkerung der Lausitzen im Spätmittelalter.
					Hufenbauern, Besitzverhältnisse und Feudallasten in Dörfern großer
					Grundherrschaften von 1374 bis 1518, Bautzen 1990; E. Hartstock:
					Wirtschaftsgeschichte der Oberlausitz 1547–1945, Bautzen 2007.</p>
			</div>
		</body>
    </text>
</TEI>
