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				<title>Slawische Wechselseitigkeit</title>
				<title xml:lang="deu">Slawische Wechselseitigkeit</title>
				<title xml:lang="hsb">Słowjanska mjezsobnosć</title>
				<title xml:lang="dsb">Słowjanska mjazsobnosć</title>
				<title xml:lang="eng">Slavic reciprocity</title>
				<author>
					<persName key="ed_ov4_cs5_2mb">Kunze, Peter</persName>
				</author>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
				<authority>Serbski institut, Budyšin</authority>
			</publicationStmt>
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				<bibl>Sorbisches Kulturlexikon / hrsg. von Franz Schön und Dietrich Scholze unter Mitarb. von Susanne Hose; Maria Mirtschin und Anja Pohontsch. - Bautzen: Domowina-Verlag, 2014. - 579 s.: il.</bibl>
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		<profileDesc>
			<abstract xml:lang="deu">
				<p>Konzept der geistig-kulturellen Verwandtschaft aller slawischen Völker. Der
					Begründer der obersorbischen Schriftsprache Michał Frencel bekundete um 1700 als
					erster Sorbe ein Bewusstsein slawischer Gemeinsamkeit.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="hsb">
				<p>Koncept duchowno-kulturneje přiwuznosće wšěch słowjanskich ludow. Załožer
					hornjoserbskeje spisowneje rěče Michał Frencel zwurazni wokoło 1700 jako prěni
					Serb wědomje słowjanskeje zhromadnosće.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="dsb">
				<p>Koncept duchno-kulturneje pśiswójźbnosći wšyknych słowjańskich ludow. Stwóriśel
					górnoserbskeje pisneje rěcy Michał Frencel jo wokoło 1700 ako prědny Serb
					zwuraznił wědobnje słowjańskeje zgromadnosći.</p>
			</abstract>
			<abstract xml:lang="eng">
				<p>Concept of the spiritual-cultural relationship of all Slavic peoples. The founder
					of the Upper Sorbian written language, Michał Frencel, was the first Sorb to
					express a consciousness of a Slavic commonality, around 1700.</p>
			</abstract>
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				<p>Konzept der geistig-kulturellen Verwandtschaft aller slawischen Völker,
					entwickelt in der ersten Hälfte des 19. Jh. Im allgemeinen Sinne kann von s. W.
					schon im 17. und 18 Jh. gesprochen werden, als Gelehrte verschiedener slawischer
					Länder die ethnische und sprachliche Zugehörigkeit zur »Natio Slavica«
					erkannten. Der Begründer der os. Schriftsprache Michał Frencel bekundete um 1700
					als erster Sorbe ein Bewusstsein slawischer Gemeinsamkeit. Das Programm blieb
					stets weitgehend auf die → Oberlausitz beschränkt, in der → Niederlausitz fand
					es keinen Widerhall.</p>
				<p><graphic url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/12/SKL-Slawische-Wechselseitigkeit_01.jpg"/>Ján Kollár (1793–1852); České album, sbírka podobizen předních českých velikánů, mužů i žen práce, kteří život svůj zasvětili povznesení národa svého; Jan Vilímek, Public domain, via Wikimedia Commons</p>
				<p>Bes. die Schriften von Johann Gottfried Herder, der in den Slawen die Träger
					einer zukünftigen Weltkultur erblickte, erweckten bei slawischen Intellektuellen
					das Interesse an der eigenen Volksüberlieferung und an der Muttersprache. Der
					Slowake Ján Kollár knüpfte daran an und entwickelte ein Programm der
					geistig-kulturellen Zusammenarbeit, das die Slawen auf eine höhere Kulturstufe
					heben sollte. Es bedeutete für ihn vor allem »die gemeinschaftliche Teilnahme
					aller Volkszweige an den geistigen Erzeugnissen ihrer Nation (…),
					wechselseitiges Kaufen, Lesen der in allen slawischen Dialekten herausgegebenen
					Schriften und Bücher« mit dem Ziel, dass »jede Mundart (…) neue Lebenskraft aus
					der anderen schöpfen (soll), um sich zu verjüngen, zu bereichern und zu bilden
					und nichtsdestoweniger die andern nicht antasten und sich auch nicht antasten
					lassen.« (1837) Das Wesen der s. W. bestand somit in der kulturellen und
					ethnischen Komponente, im wissenschaftlichen und kulturellen Austausch.
					Gleichzeitig betonte Kollár, dass es nicht um eine politische Vereinigung aller
					Slawen ginge. Sein Programm stellte eine spezifische Form der nationalen
					Befreiungsideologie der damals abhängigen slawischen Völker dar und wurde als
					Ausdruck ihres gemeinsamen Kampfes gegen die gewaltsame → Assimilierung durch
					dt. und ungarische herrschende Kreise begriffen.</p>
				<p><graphic
						url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/07/SKL-Slawische-Wechselseitigkeit_02-scaled.jpg"
					/>Programmatische Schrift von Ján Kollár, 2. Auflage 1844</p>
				<p>Für die Sorben, die als kleinstes slawisches Volk von Germanisierung und
					Entnationalisierung existenziell bedroht waren, bedeutete der Ausbau von
					kulturellen Kontakten zu den Nachbarn eine unabdingbare Stütze im Ringen um den
					Fortbestand des Ethnikums. Diese Beziehungen bereicherten nicht nur die eigenen
					Erfahrungen, sondern trugen auch zu einem Ausgleich des Kulturniveaus bei. Aus
					der These, dass die Slawen ein kulturelles und ethnisches Ganzes seien,
					schlossen die beiden führenden Vertreter der sorb. → Nationalbewegung des
					Vormärz, Jan Arnošt Smoler und Jan Pětr Jordan, dass das Slawentum über große
					geistige Kraft verfügen müsse. Schon deshalb stehe jedem einzelnen Zweig der
					Sprachfamilie eine glückliche Zukunft bevor. Das Bewusstsein, im Abwehrkampf
					gegen nationale Unterdrückung nicht allein zu sein, gab bes. den kleinen Völkern
					die nötige moralische Kraft zum Widerstand und half ihnen, das latente Gefühl
					der Schwäche und Isolation zu überwinden. Bald begannen daher die Sorben,
					einzelne von Kollár aufgestellte Postulate wie die Pflege der Muttersprache, das
					Studium anderer slawischer Sprachen, den Austausch von Büchern und →
					Zeitschriften oder die Forcierung von Volksforschung und Volksbildung in der
					Praxis umzusetzen.</p>
				<p>Führende Vertreter des sorb. Bildungsbürgertums ließen sich im Vormärz von der
					Idee der s. W. leiten, der → Leipziger Jurastudent Korla Awgust
					Mosak-Kłosopólski bezeichnete sie gar als »unser Gesetz, unser Evangelium«. Sie
					strebten danach, die Sorben nach dem Vorbild anderer slawischer Völker aus ihrer
					Lethargie zu erwecken und sie stärker in den Prozess der nationalen →
					Wiedergeburt einzubeziehen, nachdem sie erkannt hatten, dass ihr Volk genügend
					kulturelle Potenzen besaß. Die gesellschaftlichen Veränderungen im östlichen
					Deutschland, v. a. die Beseitigung der Feudalherrschaft auf dem Lande und die
					Liberalisierung der Herrschaftsverhältnisse seit den 1830er-Jahren, bildeten
					einen günstigen Nährboden für alle Kulturbemühungen, namentlich im Königreich
					Sachsen.</p>
				<p><graphic url="https://www.sorabicon.de/wp-content/uploads/2020/07/SKL-Slawische-Wechselseitigkeit_03.jpg"/>Brief von Ľudovit Štúr an den sorbischen Gymnasiastenverein Societas slavicae Budissiniensis, 30.5.1839; Sorbisches Kulturarchiv am Sorbischen Institut</p>
				<p>Bedeutung für die Verbreitung der Idee der s. W. erlangten neben der
					umfangreichen Korrespondenz und den ausgedehnten Studienreisen in die jeweiligen
					Länder die neu gegründeten Gymnasial- und Studentenvereinigungen. 1839 entstand
					am Gymnasium in → Bautzen der Verein Societas Slavica Budissinensis. Die kath.
					sorb. Studenten und Schüler gründeten 1846 am → Wendischen Seminar in → Prag die
					Vereinigung → Serbowka, ab 1838 entwickelte sich in Breslau der Akademische
					Verein für lausitzische Geschichte und Sprache zu einer wichtigen
					Begegnungsstätte innerhalb Preußens.</p>
				<p>1841 schlossen sich mehrere Sorben in Leipzig zu einem Sorbisch-slawischen Verein
					zusammen, um slawische Sprachen zu erlernen und die Bedingungen in den
					slawischen Ländern zu studieren. 1841 umriss Smoler das Programm der sorb.
					Bewegung im Vormärz, das Kontakt und Austausch mit anderen slawischen Völkern,
					das Erlernen der jeweiligen Sprachen, Zeitungsgründungen sowie eine bessere
					Information vorsah. Hier zeigte sich, wie sehr sich die Führer der sorb.
					Wiedergeburt von Kollárs Idee leiten ließen. Bald sollten sich auch in der
					Lausitz erste Ergebnisse der Bestrebungen um einen nationalen und kulturellen
					Aufschwung zeigen.</p>
				<p>In der zweiten Hälfe des 19. Jh. wurde der Kulturgedanke der s. W. deutscherseits
					von einem romantischen in einen politischen → Panslawismus umgedeutet, der den
					Zielen des russischen Zarenreiches dienen würde. Seit den 1840er-Jahren wurden
					die Sorben mit panslawistischen Vorwürfen konfrontiert. Die Konflikte erreichten
					nach Gründung des Deutschen Reiches 1871 ihren Höhepunkt und beeinträchtigten
					spürbar die sorb. Aktivitäten. – Die Tradition der slawischen Gemeinsamkeit
					nahmen im 20. Jh. einige → Freundesgesellschaften wieder auf.</p>
				<p>Lit.: J. Kollár: Über die literarische Wechselseitigkeit zwischen den
					verschiedenen Stämmen und Mundarten der slawischen Nation, Pesth 1837; P. Kunze:
					Die Bedeutung der slawischen Wechselseitigkeit für die sorbische nationale
					Wiedergeburt, in: Lětopis 40 (1993) 1; B. Neuland: Die Aufnahme Herderscher
					Gedanken in Ján Kollárs Schrift »Über die literarische Wechselseitigkeit
					zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slawischen Nation«, in:
					Deutschland und der slawische Osten. Festschrift zum Gedenken an den 200.
					Geburtstag von Ján Kollár, Jena 1994.</p>
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